Text von Elisabeth Schlumpf und Nicolai Becker, Voliere Gesellschaft Zürich / Pro Tier Ausgabe 1/19 Foto: zvg

Bestimmte Vögel, wie zum Beispiel Stare, Kiebitze, Gänse oder Kraniche, suchen aus unterschiedlichen Gründen die Nähe ihrer Artgenossen. Der Schwarm bietet ihnen mehr Sicherheit, auch auf dem alljährlichen Vogelzug.

Im Schwarm

  • wird das einzelne Individuum schlecht erkannt
  • finden mehr Augen mehr Futter
  •  profitieren auch schwächere Vögel

Etwa ein Drittel unserer Zugvögel sind Kurzstreckenzieher. Das heisst, sie fliegen je nach Klima in Schwärmen Richtung Mittelmeerraum und Westeuropa. Der Star ist ein gutes Beispiel, auch wenn seine Bestände in den letzten Jahrzehnten um 75 % abgenommen haben.
Viele Vogelarten bilden Schwärme oder Gruppen im Jahresablauf. Im Winter zeigen sich in der Schweiz vor allem grosse Ansammlungen von zwei Vogelarten. Eine davon ist der Bergfink, der dafür bekannt ist, dass er ausserhalb der Brutzeit in manchmal riesigen Schwärmen auftaucht. Einer der grossen Schlafplätze befindet sich im Jura. Oft fallen dort bis zu fünf Millionen Bergfinken ein. Ein Naturspektakel pur!
Die im Winter herrschende Nahrungsknappheit zwingt die hier lebenden Vögel, tiefere Lagen aufzusuchen. Aber auch aus dem Norden ziehen teils enorme Mengen von Bergfinken im Winter zu uns in die Schweiz.

Auch sie brauchen manchmal Pflege bei uns
Bei uns in der Pflegestation spüren wir solche Masseneinflüge aus Nordeuropa gut. Gerade Erlenzeisige wurden uns diesen Winter immer wieder gebracht. Viele von ihnen fliegen in urbanen Gebieten auf der Suche nach Nahrung in Glasscheiben oder werden von Katzen nach Hause gebracht. Aber auch kranke Tiere gehören zu unseren Pfleglingen.
Sobald es die Witterung im Frühjahr zulässt, ziehen die Schwärme wieder zu ihren Brutplätzen.

Forschungsergebnisse zum Schwarmverhalten
Viele Ornithologen haben das Schwarmverhalten erforscht und dabei Erstaunliches festgestellt: Der Schwarm wirkt wie ein grosser eigenständiger Organismus, der sich dehnen und komprimieren kann. Das ist sehr effizient, um Fressfeinde zu verwirren.

«Schwärme bieten Sicherheit und Schutz.»

«Schwärme bieten Sicherheit und Schutz.»

Eine grosse Ansammlung, also ein Schwarm, lockt Fressfeinde aber auch an. Dies kann man im Winterhalbjahr in Rom schön beobachten, wo Tausende von Staren überwintern und am Abend gemeinsam zu ihren Schlafplätzen in die Stadt fliegen. Sie versammeln sich, um nicht einem Falken oder einem Habicht zum Opfer zu fallen. Diese geübten Jäger warten schon hoffnungsvoll in der Nähe der Schlafplätze. Doch die schillernden kleinen Vögel können sie geschickt täuschen, indem sie in riesigen Wolken auftreten, wodurch die Jäger keine einzelnen Individuen erkennen. Falls doch mal ein Jäger in den Schwarm einbrechen kann, verdichtet sich dieser so stark, dass der Jäger nicht einmal mehr mit den Flügeln schlagen kann und unten aus dem Schwarm herausfällt.
Beobachtet wurde auch, dass starke Tiere sich meist in der Mitte des Schwarms aufhalten. Das bringt die anderen dazu, so nahe wie möglich bei ihnen zu bleiben. Sie sind kräftig und kennen bestimmt gute Futterplätze. Und mehr Augen finden mehr Futter!

Im Schwarm ist Kommunikation untereinander wichtig
Wir fragen uns oft, wie die Vögel miteinander kommunizieren, um nicht zusammenzustossen. Sie brauchen keinen Leitvogel, denn sie orientieren sich wie grosse Fischschwärme an den fünf, sechs Vögeln neben sich, sind aber Meister im schnellen Manövrieren – und sie weichen immer nach rechts aus!
Auch beim Vogelzug gibt es gute Gründe, sich zusammenzuschliessen. Das Ziel ist es, möglichst viel Energie zu sparen, wovon schwächere Tiere profitieren. Kraniche zum Beispiel fliegen in V-Formation mit den Schwächeren hinten im Windschatten. Der Flügelschlag der vorderen Vögel sorgt für kleine Aufwinde, so dass die hinteren Vögel besser mithalten können.
Massenaufkommen bei Wildvögeln hat zu bestimmten Zeiten berechtigte Gründe, doch so faszinierend es für unsere Augen auch ist, jedes einzelne Individuum kämpft dabei immer um sein Überleben und ums Weiterbestehen!