Ein Artikel aus Welt der Tiere, Ausgabe 6/15
Von Elisabeth Kehl, Voliere-Gesellschaft Zürich

Kolibris gehören der Familie der «Trochilidae» an. Unter ihnen finden sich die farbenprächtigsten, kleinsten Vögel der Erde. Und die leichtesten. Man stelle sich vor: Die Tiere wiegen gerade mal zwischen 2 und 20 Gramm.

Die Bienenelfe (Mellisuga helenae) ist die kleinste Vogelart überhaupt. Sie misst samt Schnabel und Schwanzfedern 6 Zentimeter. Der grösste Vertreter der Kolibris, der Riesenkolibri (Patagona gigas), ist ca. 25 Zentimeter lang. Ihre Verbreitung ist auf den amerikanischen Kontinent beschränkt; dort kommen sie von Alaska bis hinunter nach Feuerland vor. Von den rund 330 Arten leben etwa 130 in der Nähe des Äquators. Den Schwertkolibri, dessen Schnabel so lang wie sein Körper ist, trifft man bis auf 3000 Meter über dem Meer an.
Kaum entdeckt und schon in Gefahr
Eine neue Kolibri-Art wurde 2005 in den Regenwäldern im Süden Kolumbiens entdeckt und im Jahre 2007 von Ornithologen in den Bergen Kolumbiens bestätigt. Doch kaum entdeckt, sind diese Höschenkolibris (Ericnemis isabellae) schon wieder bedroht. Das Überleben des Vogels ist in erster Linie durch Brandrodungen in der Region in Gefahr. Zudem bauen die Bauern dort Coca-Sträucher an und schmälern damit ebenfalls den Lebensraum der Tiere. Coca-Blätter werden in den Anden gekaut, um Müdigkeit und Hunger zu verdrängen. Ferner dienen sie als Grundstoff für die Droge Kokain. Höschenkolibris werden auch als Woll-, oder Schneehöschen bezeichnet, da die Männchen neben ihrem schillernd bunten Federkleid auffällige weisse Federbüschel an den Beinen tragen.
30 bis 34 Millionen Jahre alte Skelette
Der deutsche Paläoornithologe Gerald Mayr vom Frankfurter Forschungsinstitut Senckenberg entdeckte die vermutlich älteste Kolibrifossilie der Welt in der Grube Unterfeld im badenwürttembergischen Frauenweiler. Im Fachmagazin «Science» beschreibt er den Fund zweier über 30 Millionen Jahre alten Fossilien. Die Skelette sind etwa 4 Zentimeter lang, haben einen langen Schnabel sowie Flügel, die zum Schweben auf der Stelle befähigen. Mayr taufte sie auf den Namen Eurotrochilus inexpectatus – «europäischer Kolibris». Früher lebten also auch bei uns Kolibris.
Der Blütenpicker
Der spanische Name Picaflor (Blütenpicker) nimmt Bezug auf die Ernährungsweise der Kolibris, die vorwiegend aus Blütennektar besteht. Pollen und Fruchtfleisch werden von der Blüte nicht gefressen, da sie unverdaulich sind. Bevorzugt sind übrigens rote und orange Blüten. Diese Tatsache ist bislang
wissenschaftlich nicht erklärbar, sie beruht auf langjährigen Beobachtungen. Der zuckerhaltige Nektar dient zur Deckung des enormen Energiebedarfs ihres Betriebsstoffwechsels. Jedoch ernähren sie sich nicht ausschliesslich von Nektar. Im Flug erbeuten sie kleine Insekten – eine eiweissreiche Nahrungsquelle, die sie für die Fortpflanzung und Aufzucht ihrer Jungen benötigen. Diese sehr energiereiche Nahrung macht den kraftraubenden Flugstil erst möglich, denn sie führen ihren Schwirrflug mit einer sehr hohen Frequenz von 40 – 50 Flügelschlägen in der Sekunde aus. Mit ihren beweglichen Flügeln können sie auf der Stelle, seitwärts und sogar rückwärts fliegen. Diese extreme Beweglichkeit des Schulter- und Ellenbogengelenks erlaubt dem Kolibri also fast jede erdenkliche Flügelstellung. Die dafür benötigte Muskulatur macht gut ein Viertel seines Gesamtgewichts aus. Um
diese enorme Leistung zu unterstützen, besitzt dieser kleine Vogel ein, im Verhältnis zu seinem Körper, sehr grosses Herz. Pro Minute schlägt es 400 bis 500 Mal, seine Atemfrequenz beträgt dabei 250 Züge. Unter den Wirbeltieren sind Kolibris wohl auch die schnellsten: Einige erreichen bei ihren Balzflügen Geschwindigkeiten von 385 Körperlängen in der Sekunde. Dies entspricht rund 98 km/h. Ein Wanderfalke kommt im Sturzflug auf 200 Körperlängen und ein Kampfjet, wie die MiG-25, «nur» auf das 40-Fache seiner Länge.
Aufzucht ist Frauensache
Um bei einem Weibchen Interesse zu wecken, führt das Männchen zwischen März und Juni Balztänze, begleitet von einer Art Gesang, auf. Die Brutpflege übernimmt das Weibchen alleine. Sie entfernt sich sofort nach der Paarung und das Männchen sucht sich noch andere Weibchen. Aus diesem Grund ist die Haltung und Zucht in Privathänden enorm schwierig. Das Männchen sollte sofort nach der Paarung vom Weibchen getrennt, und nicht in Sichtweite des Weibchens gehalten werden, da das männliche Tier in seinem Paarungsverhalten das einzige anwesende Weibchen so lange umwirbt, extrem belästigt, bis es das Nest aufgibt oder sogar stirbt. Das Weibchen baut ein winziges Nest aus Spinnweben, Flechten und Moos und legt im Abstand von zwei Tagen zwei Eier. Diese werden sorgsam bis zu 19 Tage bebrütet. 3 bis 4 Wochen lang werden die Jungvögel bis zu 140-mal am Tag gefüttert! Das Weibchen lässt sich dazu alle 20 Minuten wie ein Blatt aus dem Nest fallen, um keinen Fressfeinden ihr Nest zu verraten. Diese metallisch schillernden kleinen Flugkünstler sind in der Lage, ihre Körpertemperatur bis zur völligen Regungslosigkeit zu senken. Diese Eigenschaft ermöglicht es ihnen, in Notfallsituationen den Stoffwechsel so zu reduzieren, dass ein Überleben möglich wird. Nicht nur dieses Talent macht die Kolibris unbestreitbar zu einer der auffälligsten Gattungen in der Vogelwelt. In den Tropen stellen
Kolibris, neben Fledermäusen und Insekten, zudem eine wichtige Bestäubergruppe dar.