Ein Artikel aus dem Tagesanzeiger vom 01.03.2013

Mit den Einkünften aus einer Reihe von Flohmärkten soll die Voliere am Mythenquai gerettet werden. Sie steht vor dem Ruin.

Zürich – Die Voliere am Mythenquai ist nicht nur ein Zuhause für exotische Vögel, sondern auch ein Vogelferienhotel und die am meisten frequentierte Auffangstation für Notfälle. Doch diese Aufgaben kann sie vielleicht bald nicht mehr erfüllen: Die Sponsorengelder sind dieses Jahr weitgehend ausgeblieben. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, muss Elisabeth Kehl den Laden dicht machen. Das bringt die Präsidentin der Voliere-Gesellschaft Zürich, die seit 13 Jahren in der Voliere arbeitet, sichtlich in Rage: „Für alles ist Geld da, nur für die Voliere nicht.“ Dabei sei der Sanierungsbedarf offensichtlich. So serbeln diePflanzen in der Besucherhalle vor sich hin, weil Mäuse ihre Wurzeln anknabbern.

Zahl verletzter Wildvögel steigt

Nun aber schöpft Elisabeth Kehl Hoffnung. Verantwortlich für den Lichtblick ist Andrea Schaller: Sie ist die treibende Kraft hinter einer Rettungsaktion für die Voliere. Die Gründerin der Umweltorganisation Global Environmental Society hat nicht nur ein grosses Herz für Vögel – sie ist auch eine ausgewiesene Marketingfrau mit einem grossen internationalen Beziehungsnetz. Oder anders gesagt: Sie weiss, wie man Geld auftreibt, und kennt die Leute, die Geld haben. Doch bloss Bettelbriefe zu verschicken, wäre ihr zu billig. Deshalb will Schaller in der Besucherhalle der Voliere selbst eine Reihe von Flohmärkten organisieren. Am nächsten Sonntag findet der erste Flohmarkt statt. „Das ist ein stimmiger Ort, aus dem sich noch viel mehr machen lässt“, sagt Schaller.
Vor allem aber sind die Vögel dringend auf die Voliere angewiesen. In den letzten Jahren ist die Zahl verletzter Wildvögel, die abgegeben wurden, stetig angestiegen. 1579 waren es 2012, das sind 24 Prozent mehr als im Vorjahr. „Das hängt mit der Zubetonierung der Landschaft zusammen“, sagt Elisabeth Kehl. „Die Vögel nisten an immer unüblicheren Orten wie zum Beispiel in einer Blumenkiste auf einem Balkon. Oft fallen dann die Jungen aus dem Nest.“ Mehr Patienten bedeutet auch mehr Kosten. Doch das Geld wird immer knapper.

250 000 Franken Kosten pro Jahr

Schon 1999 hat die Stadt wegen Spardrucks die 130 000 Franken pro Jahr für den Tierpfleger und das Ablösepersonal der Voliere gestrichen. Danach mussten Vereinsmitglieder, private Gönner und Sponsoren für alles aufkommen. Doch jetzt wird es richtig eng. Matthias Kestenholz von der Vogelwarte Sempach hat in einer Studie ausgerechnet, dass es nicht mehr möglich ist, die Betriebskosten von jährlich 250 000 Franken über Spenden zu decken.

„Auch die Stadt nimmt die Dienste der Voliere in Anspruch. Warum also weigert sie sich, zu zahlen?“
Simon Kälin, Gemeinderat (Grüne)

Unterdessen hat sich auch die Politik eingeschaltet. Vor einem Jahr haben der grüne Gemeinderat Simon Kälin und die inzwischen verstorbene SP-Kollegin Marlène Butz im Gemeinderat ein Postulat zur Rettung der Voliere am Mythenquai eingereicht. Es wurde jedoch nicht für dringlich erklärt, dazu fehlten zwei Stimmen. Deshalb hängt das Postulat jetzt auf unbestimmte Zeit in der politischen Warteschleife.
Für Kälin ist die unverständlich, weil auch die Stadt selbst die Dienste der Notfallstation in Anspruch nehme. „Warum also weigert sie sich, zu zahlen?“, sagt Simon Kälin.
Dabei ist die Qualität der Leistungen des Volieren-Teams unbestritten. Die meisten verletzten oder aufgefangenen Tiere werden von Privatpersonen, Stadtpolizisten, Feuerwehrleuten und sogar städtischen Wildhütern ans Mythenquai getragen. Auch der Kanton ist froh, dass es die Institution gibt. Kantonstierärztin Regula Vogel wird in der Studie zitiert mit dem Satz: „Die Voliere Zürich ist immer wieder ein wertvoller Partner bei der Lösung unserer Aufgaben im Vogelbereich, auch betreffend Unterbringen von Vögeln.“ Und Urs J. Philipp, Leiter Fischerei- und Jagdverwaltung des Kantons Zürich, ergänzt: „Unseres Erachtens handelt es sich bei der Voliere in Zürich und eine der Top-Adressen in unserem Kanton.“

Bald nur noch Vogelhotel?

In der Voliere lässt man sich noch nicht unterkriegen. Das Team bereitet sich auf den Frühling vor. Sobald die Temperaturen steigen, werden die Vögel ihre Nester bauen. „Der Stelzenläufer sucht schon nach Steinen“, sagt Elisabeth Kehl. „Wenn dieser Vogel sein Nest vorbereitet, wird es bald Frühling.“ Das wärmt das Herz, doch es bedeutet gleichzeitig auch, dass bald wieder Hochbetrieb im Vogel-Notfall herrschen wird. Kehl ist deshalb auf Gedeih und Verderben auf einen Erfolg des Flohmarkts angewiesen. Sonst muss sie die Notfallstation schliessen und dafür das Vogelferienhotel ausbauen. „Das bringt wenigstens Geld ein“, stellt sie nüchtern fest.

Voliere Zürich, Mythenquai 1, Flohmarkt: So, 12-17 Uhr. www.voliere.ch

Text: Denise Marquard