Bericht und Bilder: Elisabeth Schlumpf, Voliere Gesellschaft Zürich / Gefiederter Freund, Ausgabe 4-19, 66. Jahrgang

Die Blaukrönchen gehören zur einzigen Papageiengattung mit einem Säugetiernamen – den Fledermauspapageien (Loriculus). Traditionell werden sie seit vielen Jahren in der Voliere am Mythenquai in Zürich gehalten und gezüchtet. Sie können im Innenraum besichtigt werden. Die Volierenleiterin Elisabeth Schlumpf berichtet über die prosperierende Zucht.

Junge Blaukrönchen, ungefähr 3 Wochen alt.

Junge Blaukrönchen, ungefähr 3 Wochen alt.

Blaukrönchen gehören zu den kleinsten Papageienarten. Ihre Heimat erstreckt sich von Indonesien und Thailand bis nach Malaysia und Singapur. Die zierlichen kleinen Papageien besitzen ein leuchtend grünes Gefieder und bewohnen Regenwälder, offenes Waldland sowie Obstplantagen. Ihr Gattungsnamen beschreibt ihre Schlaf- und Ruhephasen: Kopfüber hängend, wie die Fledermaus.

Leuchtend rote Kehle 
Als ich im Jahre 2000 begann, in der Voliere am Mythenquai zu arbeiten, sind mir unsere Blaukrönchen sofort ans Herz gewachsen. Ihre zarte Art, ihr Zusammenhalt in der Gruppe, wie sie über die Äste wuseln, aber auch ihre selten zu hörende, schrille Stimme, wenn sie Alarm schlagen, sind faszinierend. Blaukrönchen werden nur etwa 12 Zentimeter gross, haben einen kurzen Schwanz und wie der Name sagt, tragen die Männchen ein blaues Krönchen und ihre Kehle ist tiefrot. In der Balzzeit können sie sie geschickt nach vorne stülpen, um dem Weibchen zu zeigen, wie gesund und schön sie sind. Bei den Weibchen fehlt die rote Kehle ganz und das blaue „Krönchen“ ist sehr wässrig. Der Schnabel ist schwarz und die Schwanzfedern sind rot. Ihr Gefieder kann unter den Flügeln smaragdgrün und rot aufleuchten – einfach wunderschön auf diesen wenigen 12 Zentimetern! Sie meiden aber den Boden.

Sehr sozial im Gruppenverband 

Alle acht Blaukrönchen in der Voliere am Mythenquai in Zürich, je drei Junge aus zwei Bruten mit dem Elternpaar.

Alle acht Blaukrönchen in der Voliere am Mythenquai in Zürich, je drei Junge aus zwei Bruten mit dem Elternpaar.

Im Jahr 1985 kamen die ersten drei Weibchen zu uns in die Voliere, und seit diesem Zeitpunkt sind sie am Mythenquai nicht mehr wegzudenken. Erstmals unter Menschenobhut gehalten wurden sie 1869 im Zoo von London. Die erste geglückte Zucht gelang etwa 100 Jahre später einem dänischen Vogelliebhaber. Durch das mangelhafte Wissen über ihre spezielle Erhnährungsweise war anfangs die Lebenserwartung in Menschenhand sehr niedrig. Auch in ihrer Heimat werden sie von der Bevölkerung gerne in kleinen Käfigen gehalten und nur mit gekochtem Reis, Bananen und Papaya gefüttert. Sogar Marmelade wird leider noch heute regelmässig angeboten.
Sie leben paarweise, bevorzugt aber in kleinen Gruppen, da sie sehr gesellige und kaum bis überhaupt nicht aggressive kleine Papageien sind. Sie sind Höhlenbrüter, und ähnlich wie Unzertrennliche sammeln und transportieren sie ihr Nistmaterial im Rückengefieder. Blaukrönchen sind keine „Hauspapageien“, die wie Grosspapageien zahm werden. Sie brauchen genügend Kletter- und Rückzugsmöglichkeiten. Ihr Nagetrieb ist gross, so dass man ihnen regelmässig frische Haselnuss- und Weidezweige reichen sollte. Seit bekannt ist, dass sich die kleinen Kletterkünstler von Nektar, Früchten, Pollen, Sämereien und verschiedenen kleinen Insekten ernähren, stieg auch ihre Lebenserwartung und Zuchterfolge stellten sich ein

Junges Blaukrönchen, etwas weniger als drei Wochen alt.

Junges Blaukrönchen, etwas weniger als 3 Wochen alt.

Zwei Paare brüten 
Bei unserem kleinen Schwarm konnten wir so einiges beobachten: Die ganze Truppe hilft beim Füttern der Jungvögel, sobald sie ausgeflogen sind. Die Weibchen färben sich in höherem Alter zu Männchen um. Sie bekommen eine rote Kehle und der blaue Scheitel wird viel intensiver in der Farbe. Doch diese Weibchen werden in der Gruppe sehr gebraucht. Sie kümmern sich – so wie früher bei uns die Grosseltern – um den Nachwuchs der jüngeren Paare! Junge sehen beim Ausfliegen aus wie Weibchen, ausser dass sie einen hellen Schnabel haben. Der färbt sich erst im ersten Lebensjahr schwarz. Die ersten roten Federn an der Kehle werden bei Männchen so ab dem zehnten Monat sichtbar. In den 35 Jahren der Haltung der so hübschen Fledermauspapageien bei uns in der Voliere ist so einiges geschehen. Von Glücksmomenten bis zu tiefer Trauer erlebten wir alles. Ich denke jeder Vogelhalter kennt diesen schmalen Grat der Gefühle, die beim Durchleuchten der Eier, beim Schlupf der ersten Jungvögel und beim zaghaften Ausfliegen der Papageien entflammen. Da klopft das Herz vor Freude! Doch auch Tod, Unfälle und „höhere Gewalt“ können uns manchmal ratlos vor den Volieren verharren lassen.
Über viele Jahre hielten wir zwei Zuchtpaare in einer Voliere mit zwei Nistkästen! Wir konnten auch noch das letzte Paar von Rolf Wenger übernehmen, dem Gründer der Auffangstation für Papageien und Sittiche APS im thurgauischen Matzingen. Das dominantere Paar hat sich den Nistkasten immer bestimmend ausgesucht und hat auch zuerst angefangen zu brüten. Kaum war dieses Paar beschäftigt – das Weibchen fertig mit der Eiablage und das Männchen mit Aufpassen und Füttern des Weibchens – belegte das zweite Zuchtpaar den freien Nistkasten. Ich konnte in dieser Zeit nie auch nur die kleinste Aggression zwischen den Männchen beobachten. Die Nistkästen hatten einen Abstand zueinander von nur ungefähr 50 Zentimetern! Manchmal wurde auch gegenseitig die Höhle begutachtet. Einmal am Tag verlässt das Weibchen den Nistkasten, um Kot abzusetzen und ausgiebig zu fressen. Auf diesen Moment wartet das Männchen mit grosser Freude: Es präsentiert sich von seiner schönsten Seite und erbeutet die Wachsmottenlarven, die es im Kropf zu einem Brei verarbeitet, um sie zu füttern. Dies ist auch zur Bindung der Paarfestigung ungemein wichtig. Aber solange das Weibchen auf den Eiern sitzt, zwischen 18 und 22 Tagen, muss das Männchen geduldig bleiben. Während des Schlupfs wird das Männchen nervöser und steckt seinen Kopf ungeduldig des Öftern in die Bruthöhle. Nun sind er und seine Qualitäten gefragt, denn jetzt füttert er sein Weibchen ununterbrochen durch das Einflugloch.

Ungefähr fünf Wochen alte Blaukrönchen.

Ungefähr 5 Wochen alte Blaukrönchen.

Entgegen vieler Berichte, dass das Männchen in der ersten Zeit keinen Einlass hat, konnten wir mit Hilfe einer Nistkastenkamera diese Beobachtung widerlegen. Wir beobachteten aufgeregt auf dem Bildschirm, wie das Männchen vom ersten Moment an mithilft, die frisch geschlüpften Jungvögel und das Weibchen liebevoll zu füttern und zu wärmen.
Nach etwa 30 Tagen verlassen die Jungvögel die Höhle, und ihr erster Flug, wie bei vielen anderen Arten, ist abwärts! Wie bereits erwähnt, meiden die Blaukrönchen den Boden. Die Kleinen benötigen in den ersten Stunden Klettermöglichkeiten, um vom Boden hoch zu den Altvögeln zu gelangen, sons sind die Jungvögel verloren, denn sie werden nie am Boden gefüttert!

Die Tragödie 
Drei Jungvögel waren zu unserer Freude ausgeflogen und im zweiten Nistkasten zwei geschlüpft. Nun schlug die höhere Gewalt zu! Unsere Voliere steht auf alter Seekreide und wurde zur Landesaustellung 1939, 1937 mit einer Wanne als Untergrund gebaut, denn das Seewasser, je nach Wasserstand, führt unter dem Volieren-Gebäude hindurch. Das ganze Seebecken wurde öfters aufgeschüttet und wieder abgetragen. Im Jahre 1870 wurde es zur „Wohl-Oase“ der Bevölkerung wieder neugestaltet und erweitert.
Es war ein Sommer mit Regen, Regen und noch mehr Regen. Der ganze Keller lief mit Wasser voll und in einer Nacht drückte das Seewasser in die Voliere hoch. In dieser Panik versuchten die Altvögel im Dunkeln, die flügge gewordenen Kleinen vor dem Wasser zu warnen. Doch alle, alle sind aus Erschöpfung ertrunken! Der Anblick am Morgen war grauenvoll! Ein Moment, in dem einem das Blut in den Adern gefriert, bei dem man alles in Frage stellt und nur noch weint.

Blick in die Innenhalle der Voliere am Mythenquai.

Blick in die Innenhalle der Voliere am Mythenquai.

Generalprobe oder Premiere? 
Doch da piepste etwas im zweiten Nistkasten! Die zwei letzten noch nicht flügge gewordenen Jungvögel! Da ist er wieder, der schmale Grat zwischen Trauer und Freude. Wir konnten die beiden erfolgreich von Hand aufziehen und waren überglücklich, dass  diese zwei Jungvögel die schreckliche Tragödie überlebt hatten.
Im Herbst 2017 konnten wir ein junges Männchen übernehmen. Die ersten roten Federn an der Kehle waren schon sichtbar, und es war sofort von unserem Weibchen angetan. Schnell wurde auch der Nistkasten inspiziert, und schon bald legte das Weibchen fünf Eier. Doch das neue Männchen war noch sehr jung. Geschlechtsreif und komplett befiedert sind Blaukrönchen mit etwa 13 bis 14 Monaten. Also nahmen wir an, dass die Eier unbefruchtet waren. Nach Ablauf der Brutzeit hat das Weibchen den Nistkasten verlassen, so dass sich unser Verdacht bestätigte. Doch Anfang Dezember verschwand es immer wieder des Öfteren im Kasten und das Männchen bemühte sich mit dem Füttern seines Weibchens, bis es nur noch morgens einmal rauskam. Wir nahmen an, dass es auch dieses Mal nur ein Probelauf werden würde. Wir überprüften den Nistkasten als das Weibchen ihn morgens verliess – das lassen Blaukrönchen ohne Probleme über sich ergehen – und zu unserem Erstaunen lagen da wieder fünf Eier. Generalprobe? Aber wir wurden eines Besseren belehrt. Es war Premiere!

Bei uns in der Voliere sieht ein Futterteller so aus:

Morgens: Eine Schale mit Lorifood, verschiedenen Früchten (Mango lieben sie), Gemüse, Keim- und Insektenfutter. Als „Garnitur“ Wachsmotten, Buffalos und klein geschnittenes Fleisch.

Nachmittags: Lorifood raus, dafür eine Schale mit Nektar und nochmals eine ordentliche Portion Früchte und Gemüse, sowie Insektenfutter.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Glücklich ausgeflogen
Am 30. Dezember 2017 schlüpften drei Jungvögel! Diese Überraschung war riesig! Fünf Eier, drei Jungvögel und zwei unbefruchtete Eier. Da junge Blaukrönchen- Männchen war sehr aufgeregt, fütterte und schlüpfte dazu mit in den Nistkasten. Herrlich, ihnen zuzusehen, wie sie harmonierten, sich komplett auf den Nachwuchs konzentrierten! Am 26. Januar 2018 sass am Morgen der erste Jungvogel am Boden, sehr bemüht, den Ast hochzuklettern, und der zweite folgte etwa eine Stunde später. Der dritte liess sich noch ein bisschen Zeit und wartete mit seinem ersten Flug bis zu den späteren Nachmittagsstunden. Am Abend sassen alle fünf in den oberen Ästen, und wir konnten beobachten, wie die Kleinen gefüttert und bei ihren ersten Kletterversuchen begleitet wurden. Durch ein schrilles, hohes Pfeifen wurden sie auch von den Altvögeln vor Fehltritten gewarnt. Sie wurden gehudert, gefüttert, geputzt und ans Futter herangeführt, so dass sie langsam damit begannen, selbständig zu fressen.
Nach allen Schrecken der Vergangenheit führte natürlich unser erster Gang morgens immer, mit klopfenden Herzen, zu den Blaukrönchen! Sie wurden immer selbständiger und mutiger und ihre Flüge immer zielsicherer.

Fürsorglicher Familienverband 
In unserer Faszination, dem so gesunden Werdegang der Kleinen zuzusehen, hatten wir kaum bemerkt, wie sich das Weibchen immer öfters wieder im Nistkasten aufhielt. Am 5. April 2018 flogen wieder drei gesunde, junge Blaukrönchen aus dem Nistkasten. Wieder fünf Eier, drei Jungvögel, zwei unbefruchtete Eier! Ich war überwältigt, aber auch besorgt um unser Weibchen. Das hiess für mich nun natürlich, sofort den Nistkasten zu entfernen, um es zu schonen. Jetzt kam der herrliche Moment, wo wir beobachten konnten, wie die ganze Familie sich umeinander bemühte. Der erste Kleine, kaum hochgeklettert, wurde zum Teil von seinen ältern Geschwistern zwangsgefüttert. Und auch auf die Nächsten, die an den Ästen hochkletterten, warteten die anderen mit vollem Kropf. Die Blaukrönchen, mit ihrem Säugetier-Gattungs-Namen, werden mich immerzu begeistern und faszinieren!

Die Autorin Elisabeth Schlumpf (Bild: L. Lepperhoff)

Zur Autorin
Elisabeth Schlumpf leitet die Voliere am Mythenquai seit nahezu 20 Jahren.
Die traditionsreiche, öffentliche Voliere ist ein ideales Fenster der Passion der Vogelhaltung. An bestens frequentierter Lage werden verschiedenste tropische Vögel in vorbildlichen Volieren gehalten und gezüchtet.
Die Voliere am Mythenquai ist auch ein Aufnahmezentrum für Wildvögel. Jährlich werden weit über 1000 Wildvögel von Elisabeth Schlumpf und ihrem Team aufgezogen und wieder ausgewildert.
Das Volierenteam sensibilisiert die Einwohner der Stadt Zürich und Umgebeung zum Thema Wildvögel, beantwortet Fragen und rät, wie Gärten vogelgerecht eingerichtet werden sollten.