Ein kleiner Kämpfer

Bericht: Elisabeth Schlumpf, Bild: Marc Stähli, Voliere Gesellschaft Zürich

Wellensittiche sind heutzutage Massenware, und genauso zahlreich sind die Argumete, die vorgebracht werden, um sie bei uns abzugeben.

„Ich will meine Wellensittiche nicht mehr, kann ich sie vorbeibringen?“, „Wir haben für unsere Kinder zu Weihnachten zwei Wellensittiche gekauft, aber sie haben nicht die gewünschte Farbe“, „Feriengeld für unsere Wellensittiche liegt nicht drin, können wir sie bei Ihnen abgeben?“ oder „Wir haben ein Baby bekommen“ und jetzt fehlt der Platz für die Wellensittiche“. Die Begründungen sind unterschiedlich, aber allesamt einfach nur trauriges Beispiel, wie rücksichts- und gedankenlos wir Menschen mit Tieren umgehen. Dies tagtäglich mitzuerleben, ist für uns nicht leicht.

Doch es gibt auch immer wieder schöne Geschichten. Sie haben meist einen harten Hintergrund, und trotzdem werden es schöne Geschichten, weil jemand nicht weggeschaut, sondern geholfen hat! Eine solche Geschichte durften wir im vergangenen Monat erleben.

Es klingelte an der Tür zu unserer Voliere, und eine Mutter und ihre Tochter traten ein. Die Mutter öffnete ihre Hand, darin war ein kleines weisses Bündel zu sehen. Die Geschichte des kleinen Wellensittichs, die uns die beiden erzählten, erschütterte uns sehr.

Ein Wellensittichküken auf dem Boden

Am Tag zuvor waren die beiden durch einen Park spaziert, in dem Kleintierzüchter Volieren mieten können. Sie beide sind Nymphensittichhalter, und so schauten sie genauer hin und entdeckten ein kleines, wahrscheinlich zwei bis drei Wochen altes Wellensittichküken auf dem Boden. Es war kein Halter in Sicht und der Kleine fiepte nur noch ganz leise. Eigentlich sollte es noch im Nistkasten sein.

Zu Hause liess das Ereignis besonders der Tochter keine Ruhe. So eilte die Mutter am Abend zurück zu den Volieren und traf deren Besitzer an. Der kleine Wellensittich lag noch immer auf dem Boden, gab unterdessen keinen Laut mehr von sich, lebte aber noch. Als die Mutter beim Besitzer nachfragte, meinte dieser nur: „Ja den lasse ich liegen, ich habe noch genug Jungtiere.“ Die Mutter konnte dies nur schwer glauben: Er hatte den Kleinen einfach zum Sterben liegen gelassen! Sie sah, dass der Kleine Bisswunden am ganzen Körper hatte und schon ziemlich kalt war.

Den Besitzer berührte dies nicht, doch zum Glück war er bereit, den kleinen Wellensittich der entsetzten Mutter mitzugeben. Die ganze Nacht versuchten sie und ihre Tochter, den Kleinen zu wärmen und zum Fressen zu animieren. Leider vergebens, und so kamen sie hilfesuchend zu uns.

Als wir den Kleinen aus ihrer Hand nahmen und untersuchten, hatten wir keine grosse Hoffnung. Nebst den Bisswunden stellten wir auch noch fest, dass ein Beinchen gebrochen war.

Das Kämpferherz schlägt weiter

Wir legten ihn sorgsam unter eine spezielle Wärmelampe für Jungvögel, und zu unserem grossen Erstaunen erwachten seine Lebensgeister bald wieder. Sein kleines Kämpferherz schlug weiter, und er nahm zaghaft erste Nahrung auf. Marc aus unserem Voliereteam nahm ihn mit nach Hause und betreute ihn rund um die Uhr. Auch nachts, denn das heisst es, wenn man einem jungen Wellensittich das Leben retten will.

In Marcs fürsorglicher Obhut wurde der kleine Kämpfer bald fitter und sein Rufen nach Futter immer lauter. Nach zwei Tagen konnten wir ihn dann guten Gewissens zu Dr. Sandmeier transportieren, der sein Beinchen röntgte und schiente.

Als Massenware gezüchtet

Ja, Wellensittiche sind heutzutage Massenware. Unkontrolliert wird nach Farbe, Grösse und was auch immer gezüchtet und anschliessend verkauft. Dass Wellensittiche sehr intelligente Vögel sind, wissen die wenigstens. Allerdings sollten wir Menschen intelligent genug sein, zu wissen, dass Wellensittiche fühlende Lebewesen sind, die es nicht verdient haben, als Massenware auf dem Boden liegen gelassen zu werden.

Ein grosses Dankeschön an die Familie, die nicht weggeschaut hat. Ohne sie gäbe es keine Möglichkeit, die Geschichte vom kleinen Kämpfer zu erzählen,und wir sind unterdessen sehr zuversichtlich, dass wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, auch bald von einer Fortsetzung berichten können werden.