Als Ziel der Beleidigung: „Du dumme Gans…“ müssen Mädchen und Frauen seit Jahrhunderten herhalten.

Bericht und Fotos: Elisabeth Schlumpf, Voliere Gesellschaft Zürich /Pro Tier Ausgabe 4/2019

Junge Hausgans bei ihrer Ankunft in der Voliere

Lautstark schnatternd und dumm: Diese Assoziationen zu Gänsen sind weit verbreitet.
Doch die Gans ist genau das Gegenteil von dumm, denn sie verfügt über eine ausgeprägte soziale Intelligenz. Gänse können sich Vorlieben ihrer Artgenossen einprägen und auch, wer wen mag oder eben nicht. Ausserdem können sie Menschen wiedererkennen und ihr Zuhause gegen Eindringlinge verteidigen.

Mythen und Legenden
Es existieren viele Mythen und Legenden rund um die Gans. Sie wurde schon im alten Ägypten verehrt, in Griechenland war sie der Liebesgöttin Aphrodite geweiht, sie wurde besungen und legte goldene Eier. Nach der wohl bekanntesten Geschichte sollen sie den heiligen St. Martin durch ihr lautes Geschnatter verraten haben, nachdem er sich im Gänsestall versteckt hatte, um sich der Wahl zum Bischof zu entziehen. Dies mussten alle Gänse büssen. So landen sie bis heute am 11. November, dem Tag des heiligen St. Martin, auf der festlich hergerichteten Tafel.

Gänse verfügen über eine ausgeprägte soziale Intelligenz

Auch im Christentum wurde die Gans erst verehrt, dann aber wegen ihrer Nähe zum Wasser zum Fisch erklärt, um sie in der Fastenzeit, die um Weihnachten herum war, essen zu dürfen. Die Kiele ihrer Federn wurden bis ins 19. Jahrhundert als Schreibgeräte eingesetzt, und fast jedem Körperteil wurden heilende Kräfte nachgesagt. Sogar der Gänsekot wurde genutzt, er sei gut gegen Skorbut, Gelb- und Wassersucht. Dass die Federn und Daunen enorm wärmen, entdeckten schon die alten Germanen im 1. Jahrhundert.
Leider ist in vielen Ländern der Lebendrupf für Decken und Jacken auch heute noch erlaubt. In Frankreich wurde die Gänsestopfleber 2005 sogar zum nationalen gastronomischen Kulturerbe erklärt, und so werden die Tiere mehrmals täglich zwangsernährt – gestopft. Dies vergrössert die Leber um das Zehnfache, ihr Gewicht erreicht bis ein Kilo. Und dies soll schmecken?

Gänsestopfleber und Lebendrupf sind grausame Tierquälerei.

Unsere Glücksgans

Unsere Glücksgans in der Voliere

Unsere Glücksgans in der Voliere

wurde Anfang Mai ein kleines gelbes Bündel gebracht. Die kleine Gans war allein an einem kleinen Fluss gefunden worden. Entweder war sie unter einem Zaun durch entwischt oder von einem Transporter gefallen, wer weiss das schon. So oder so war sie eine kleine „Glücksgans“. Wir setzten sie mit einem kleinen Gänsesäger zusammen, da beide alleine waren, und bald wurden die beiden zu einem unzertrennlichen Paar. Die kleine Gans war bald viel grösser als der kleine Säger, und so nahm sie ihn in ihre Obhut. Sie wärmte und huderte ihn. Das kleine gelbe Bündel, das zu Anfang auf einer Hand Platz hatte, entwickelte sich schnell zu einer stolzen, stattlichen Hausgans, die mit uns jeden Tag mehrmals im Park spazieren ging, um genüsslich Klee und Gräser zu fressen.
Uns war klar, dass eine Hausgans aufgrund der gezielten Zucht heute ein Gesicht von bis zu 15 Kilo erreichen kann. Dies hat mit der zierlichen Graugans, von der sie abstammt und die nur 2 – 4 Kilo wiegt, nicht mehr viel zu tun. Wir warteten ab, wie sich unsere Glücksgans entwickelt, und konnten auf unseren Spaziergängen mit ihr viele Menschen über das traurige Los von Millionen von Gänsen informieren.
Heute lebt unsere „Kleine“ mit anderen Gänsen auf einen Lebenshof mit viel Platz, einem Teich und liebevoller Betreuung. Ihr Freund, der Gänsesäger, ist als Wildvogel seinen Instinkten gefolgt und zu seinen Artgenossen aufgebrochen.