Ein Artikel aus dem Tagesanzeiger vom 30.07.2014

Weil am Samstag die Jungen einer seltenen Vogelart in der Voliere am Mythenquai schlüpfen könnten, sollen die Love-Mobiles dort den Sound ausschalten.

Das kommende Wochenende wird nicht nur von Hunderten Tanzfreudigen sehnlichst erwartet. Auch in der Voliere Zürich am Mythenquai herrscht grosse Vorfreude. Denn dann sollen die jungen Kronentokos nach 28 Tagen Brutzeit endlich schlüpfen.

Dass dies ausgerechnet am Tag der Street-Parade geschehen könnte, birgt einige Risiken. «Wir wissen nicht, wie das Weibchen auf die Musik und vor allem die Bässe reagieren wird. Es kann gut sein, dass es dann die Brut abbricht», sagt Tierpfleger Marc Stähli auf Anfrage.

Weibchen hat sich im Nest eingemauert

Kronentokos sind sehr seltene Vögel. «Wir halten diese Gattung als Einzige in der Schweiz. Seit drei Jahren sind sie bei uns, und nun brütet das Weibchen erstmals Eier aus.» Wie es für diese Gattung üblich ist, hat sich das Weibchen zum Ausbrüten ins Nest eingemauert. Danach wird es noch zwei bis drei Wochen mit den Jungtieren im Nest bleiben.

Für die Tokos bricht also eine Zeit an, in der die Tiere eigentlich viel Ruhe brauchen. Die ist in den nächsten Tagen allerdings kaum zu erwarten, da vor allem laute Bässe eine enorme Belastung für Vögel sind. «Wildvögel können vor solchen Ereignissen wegfliegen. Das können unsere Tiere natürlich nicht. Insbesondere das Toko-Weibchen, das sich eingemauert hat.»

Vögel wegen lauter Bässe gestorben

Grössere Vogelarten nehmen die Tierpfleger während der Street-Parade jeweils ins Innengehege. Bei den kleineren Gattungen sei das laut Stähli nicht möglich, weil die Durchschlupflöcher ins Aussengehege nicht verschliessbar sind. «Da hoffen wir einfach, dass die Leute auf die Tiere Rücksicht nehmen und auch nichts beschädigen.»

Rücksichtnahme ist in jedem Fall gefragt – auch von privaten Partyorganisatoren. Denn vor einigen Jahren sind in der Voliere sogar Tiere wegen der lauten Bässe gestorben. «Ihre Luftsäcke sind geplatzt», erklärt Stähli. «Vögel haben Luftsäcke in ihrem Körper, damit sie nicht so schwer sind und besser fliegen können. Auch ihre Knochen sind poröser und dadurch viel leichter – aber auch empfindlicher.» In den sieben Jahren, in denen er als Tierpfleger in der Voliere arbeitet, seien aber wegen der Street-Parade keine Vögel mehr verendet.

Zimmerlautstärke oder ganz ausschalten

«Wir machen die Fahrer schon seit Jahren darauf aufmerksam, dass sie bei der Voliere nicht anhalten und die Musik leiser stellen sollen», sagt Joel Meier, Präsident des Vereins Street-Parade Zürich. Nachdem er von der bevorstehenden Geburt der Kronentokos erfahren hat, will er in diesem Jahr allerdings noch weiter gehen. «Wir werden alle Love-Mobiles bitten, die Musik bei der Voliere auf einer Strecke von 50 Metern entweder auf Zimmerlautstärke zu schalten oder sie sogar ganz abzudrehen, um die Vögel zu schonen.» Die Organisatoren verteilen entsprechende Flyer mit dem Bild des Vogels an die Mobiles, um sie «auf die Sache einzuschwören», wie Meier es nennt.

Inzwischen wurde teamintern sogar die «Aktion Street-Parade for Life» ins Leben gerufen, und T-Shirts wurden bestellt, die alle Mitglieder der Aktion während der Parade tragen wollen. «Die Leute sollen spüren, dass es hier um eine gute Sache geht. Wir haben uns über den Kronentoko informiert und sind begeistert von diesem Tier. Wir wollen alles dafür tun, damit das Weibchen seine Eier ausbrüten kann und die Jungen vielleicht sogar am Tag der Street-Parade schlüpfen.» Meier will sich zudem persönlich dafür einsetzen, dass während der Street-Parade im VIP-Bereich Geld für die Voliere zusammenkommt. «Damit für die Zukunft am Gebäude Schallschutzmassnahmen vorgenommen werden können.»

Ein «Stripi» für die Voliere und die Parade

Sollten die Tokos tatsächlich am Tag der Street-Parade gesund und munter zur Welt kommen, haben die Verantwortlichen der Voliere angeboten, eines der Jungtiere «Stripi» zu nennen. «Wir wollen unbedingt einen Stripi!», sagt Joel Meier. Er ist davon überzeugt, dass sich die Love-Mobiles an den Aufruf halten und die Tiere schonen werden. «Im vergangenen Jahr haben sie als Akt der Entrüstung vor dem Hotel Eden au Lac die Musik ausgeschaltet, weil sie dort unseren Event mittlerweile zu kommerziell ausnutzen. In diesem Jahr finden wir: Die Tiere haben eine solche Ruhepause viel mehr verdient. Und was vor dem Eden au Lac geklappt hat, wird auch vor der Voliere funktionieren.»

Text: Tina Fassbind

 

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