Zürich 2, Donnerstag, 1. April 2004

Neue Präsidentin, alte Geldsorgen
Herbert Haefelin hat nach 23 Jahren im Amt das Präsidium der Voliere-Gesellschaft Zürich an Elisabeth Kehl übergeben. Die Zukunft der Vogelhauses bleibt ungewiss.
Die Voliere am Mythenquai hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Seit über hundert Jahren besteht das der Stadt gehörende Vogelhaus und ermöglicht Besuchern, gratis einheimische und fremdländische Vögel zu bestaunen Gleichzeitig betreibt die Voliere-Gesellschaft eine Pflegestation für verletzte Vögel und eine Vogel-Pension, in der gefiederte Haustiere während des Urlaubs gefüttert und gepflegt werden.
Doch die Zukunft dieser Institution ist nicht gesichert. Kopfzerbrechen bereitet jeweils die Finanzierung: So wies der Verein, der die Geschäfte der Voliere führt, vergangenes Jahr ein Minus von über 50`000 Franken aus. Bis vor fünf Jahren waren der Tierpfleger und die Mitarbeitenden (insgesamt 150 Stellenprozente) von der Stadt angestellt. Aus Spargründen wurden diese Stellen gestrichen Seither muss die Voliere-Gesellschaft selbst die Anstellung des Fachpersonals tragen, dessen Löhne mehr als die Hälfte der Ausgaben ausmachen. Zwar beteiligt sich die Grün Stadt Zürich jährlich immer noch mit 30’000 Franken an der Voliere, doch die übrige Lohnsumme muss der Trägerverein selber organisieren. Vergangenes Jahr setzte nun auch der Zürcher Tierschutz seine Zahlungen aus und knüpfte erneute (wohlgemerkt geringere) Beiträge an Bedingungen, die den Fortbestand der Voliere in der heutigen Form verunmöglicht hätten.
Über Zukunft und Vergangenheit der Voliere sprach Zürich 2 mit Herbert Haefelin, dem Ehrenpräsidenten des Vereins. Der 68jährige Adliswiler war 23 Jahre Präsident der Voliere-Gesellschaft und hat vergangene Woche sein Amt an Nachfolgerin Elisabeth Kehl abgegeben.
Zürich 2: Ist die Voliere Mythenquai gefährdet?
Herbert Haefelin: Akut ist sie nicht gefährdet. Der Betrieb der Voliere ist immer etwa auf zwei Jahre gesichert. Aber wir wissen nicht, was danach kommt. Und das ist natürlich ein schwieriger Punkt. Für den neuen Vorstand und auch für den Tierpfleger ist es unangenehm, nicht zu wissen, was in zwei Jahren ist. Es wäre wieder schön, sagen zu können: Wir sind noch zehn Jahre da. Man kann viel längerfristiger planen.
Warum braucht es überhaupt eine Voliere in Zürich?
Bei der Gründung vor 104 Jahren wollte man vor allem einheimische, aber auch exotische Vögel zeigen. Damals stand sie noch beim Züri Zoo. Heute haben wir sehr viele Schulen und Kindergärten, die uns besuchen. Nirgendwo sonst können Kinder so nahe an die Vögel heran. Wir haben immer noch sehr viele einheimische, aber auch fremdländische Vögel, zum Beispiel aus dem Regenwald. Dazu sind momentan Ausstellungen zum Regenwald und zur Feder in der Voliere zu sehen. Dieses Angebot wird von den Schülern sehr geschätzt. Und ich bin der Meinung, die Voliere braucht es je länger desto mehr: Wenn man etwas für die Umwelt – egal ob für die Schweiz oder den Regenwald – tun kann, dann hat die Voliere eine Daseinsberechtigung. Dazu kommt, dass sie eine offizielle Pflegestation ist. Wenn es keine Voliere mehr gäbe, müssten die rund 500 Vögel im Jahr vom Tierschutz übernommen werden. Auch das würde Geld kosten. Zu guter letzt betreiben wir eine Ferienstation, bei der man zu relativ tiefen Preisen die Vögel während des Urlaubs abgeben kann.
Wie sind Sie überhaupt zur Voliere gekommen?
Ich bin durch einen Verein als Delegierter an eine Generalversammlung geschickt worden. Man kannte mich als Hobby-Ornithologen. Und dann wurde ich kurzerhand in den Vorstand gewählt, ohne dass ich wirklich wollte. Ich war dann zehn Jahre Vorstandsmitglied, konnte aber nicht wirklich was bewirken. Die Voliere war lieblos und grau. Sie bot keinen schönen Anblick. 1981 wurde ich dann als Präsident gewählt – auch wieder, ohne dass ich es bewusst angestrebt hätte. Ich habe mir dann aber gesagt: Jetzt muss etwas laufen. Meine Frau wurde dann auch gleichzeitig als Sekretärin in den Vorstand gewählt. Anfangs war ich eher dagegen, dass wir als Ehepaar im Vorstand vertreten sind. Es zeigte sich dann aber, dass wir dank dieser Konstellation viel umsetzen konnten.
Was haben Sie konkret in den 23 Jahren als Präsident der Volieren-Gesellschaft umsetzten können?
Wir haben sämtliche Innen- und Aussenvolieren erneuert. All die nötigen Planungsarbeiten habe ich als Architekt selbst ausgeführt, selbstverständlich kostenlos. So haben wir auch das komplette Wasserleitungs- und Heizsystem sowie die Innenräume der Voliere erneuert – auch dank der finanziellen Unterstützung des Zürcher Tierschutzes. Dann wurden wir ab 1981 zu einer offiziellen Pflegestation für Wildvögel. Aber auch in der Vogelzucht sind wir sehr erfolgreich gewesen: In den vergangenen 22 Jahren habe wir 185 Vögel aufgezogen. In den 90ern sind wir dann auch zwei Erhaltungszuchtprogrammen beigetreten. Auch unsere Mitgliedschaft im Zürcher Museumsverein hat uns weit gebracht: So haben wir nun immer wieder Wechselausstellungen in der Besucherhalle. Seit vergangenem Jahr sind wir auch im Internet vertreten. Und wir freuen uns riesig über den Erfolg der Website: Über 8000 Besucher aus dem In- und Ausland schauen monatlich im Internet bei uns vorbei.
Gibt es denn auch Projekte, die Sie nicht haben umsetzen können?
Ganz spontan würde ich sagen: keine. Klar gab es auch Enttäuschungen: Zum Beispiel als uns die Stadt auf Ende 1999 die Besoldung unserer Tierpfleger strich – und wir das aus der Zeitung erfahren mussten. Oder auch, als der Tierschutz plötzlich nur noch einen Drittel der ursprünglichen Unterstützung anbot, zu völlig unhaltbaren Bedingungen. Aber dank Gönnern und grosszügigen Spenden konnten wir den Betrieb der Voliere aufrechterhalten.
Wie sehen Sie die Zukunft der Voliere?
Wie ich schon gesagt habe, hat sie auf jeden Fall ihre Berechtigung. Seit wir im Museumsverein und im Internet vertreten sind, sind wir ziemlich populär geworden. Wir schreiben die Vögel nun auch lateinisch an, so dass wir auch viele Studenten haben, die uns besuchen. Vor allem für den Bildungsbereich, aber auch in Sachen Naturschutz ist die Voliere wertvoll.
Als ehemaliger Präsident – jetzt Ehrenpräsident – werden Sie nicht mehr so aktiv im Verein mitmachen. Wie gehen Sie damit um?
Die Abmachung mit dem Vorstand ist, dass wir – meine Frau und ich – jederzeit kommen, wenn sie uns brauchen. Wir werden aber nicht kontrollieren, ob alles läuft. Das hat der neue Vorstand nicht nötig. Die neue Präsidentin und ich haben ähnliche Ideen. Und die Jungen, die den Betrieb nun übernehmen, sollen ihre eigenen Objekte entwickeln und ausführen. Das Klima ist sehr gut zwischen jung und alt. Und wenn Not am Mann ist, sind wir nur einen Telefonanruf entfernt. Denn meine Frau und ich werden der Voliere immer treu bleiben.
Voliere Mythenquai
Der Besuch der Voliere ist gratis. Die Aussenvolieren sind immer zugänglich und können rund um die Uhr besichtigt werden. Die Besucherhalle ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr offen. Verletzte (Wild-)Vögel können in der Notfall-Pflegestation abgegeben werden. Sie ist täglich von 7 bis 12 Uhr und von 13 bis 16:30 Uhr besetzt. Ausserhalb dieser Zeiten stehen zwei beheizte Vogelbriefkästen zur Verfügung. Mehr Informationen, auch zur Ferienpension sowie Unterrichtsmaterialien für Schulen können auf der Homepage www.voliere.ch gefunden und heruntergeladen werden.
Thomas W. Enderle |