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Winterfütterung - ja oder nein?





Buchfinken und Kohlmeisen sind häufige Gäste am Futterhaus.

Wie schützt sich der Vogel vor der Kälte?

 

Wie können Vögel die tiefen Temperaturen des Winters unbeschadet überstehen? Ihr wichtigster Schutz ist das Federkleid, das ihren Körper isoliert und sie im Winter vor zu grossen Wärmeverlusten schützt. Da die normale Körpertemperatur der Vögel über 40 Grad liegt, ist dieser Schutz im Winter besonders wichtig.

 

Im Verlauf des Jahres nutzen sich die Federn ab, einzelne gehen verloren. Deshalb muss der Vogel sein Gefieder regelmässig erneuern. Die meisten Kleinvögel wechseln im Spätsommer ihr Federkleid. Die in bestimmter Reihenfolge ausfallenden Federn werden laufend durch neue ersetzt. So bewahren diese Vögel ihre Flugfähigkeit, und in rund zwei Monaten ist der Wechsel (Mauser) abgeschlossen. Im Winter trägt der Vogel also ein neues, gut isolierendes Federkleid.

 

Das Rotkehlchen plustert in der Kälte sein Federkleid auf und vergrössert damit die Isolationsschicht.

 

Wie schützt sich der Vogel vor einem Wärmeverlust während der bitterkalten Nacht? Die meisten Vögel übernachten an geschützten Stellen, in Baumhöhlen, in Nischen von Gebäuden oder in der dichten Vegetation. Einzelne Arten bauen sogar Schlafnester, wie beispielsweise der Haussperling; andere übernachten gemeinsam mit Artgenossen und schmiegen sich eng aneinander wie Baumläufer oder Schwanzmeisen. Um die Kälte-Isolation zu verbessern, wird das Gefieder aufgeplustert und der Kopf ins Rückengefieder gesteckt.

 

Das Federkleid kann natürlich nicht jeden Wärmeverlust verhindern. Um ihn wettzumachen, legen Vögel während des Tages Fettreserven an, die als «Brennstoff» für die lange, kalte Nacht dienen. Dazu braucht der Vogel bedeutend mehr Nahrung als im Sommer.

 

Finden die Vögel im Winter genügend Nahrung?

 

Selbst in der kargen Winterszeit gibt es vielerlei natürliche Nahrungsquellen, die den Vögeln das Überleben ermöglichen. Meisen suchen in den Rindenspalten und unter der Baumrinde nach Beute. Insekten, die dort Winterschlaf halten, Insektenpuppen und Eier, Spinnen und Tausendfüssler werden aus dem Verborgenen hervorgeholt. Wenn wir ein Stück Rinde abreissen, sehen wir, wie reichhaltig der Speisezettel sein kann. Auch Spechte nutzen diese Nahrungsquelle. Grau- und Grünspecht, die «Bodenspechte», gehen oft auf schneefreien Grasflecken ihrer Nahrung nach. Buchfink, Grünfink, Kernbeisser, Gimpel und Erlenzeisig sind Baumsamenfresser. Unter natürlichen Bedingungen finden auch sie genügend Nahrung, doch streichen sie oft weit umher, um neue Nahrungsplätze zu finden.

 

Beim Buchfink, der als natürliche Nahrung Bucheckern (im Volksmund Buchennüsse genannt) bevorzugt, hat die Winterfütterung einen Verhaltenswechsel bewirkt und ihn zu einem ständigen Bewohner auch im Siedlungsraum gemacht. Der Gimpel – ursprünglich ein Brutvogel des Bergwaldes – frisst gerne Eschen-, Ahorn- und andere Samen sowie Kerne von Schneeball und Liguster. Sobald die Nahrung knapper wird und Schnee fällt, dringt auch er in Dörfer und Städte vor und ist dann an Futterstellen zu beobachten.

 

Viele Bäume und Sträucher bieten den Vögeln Beeren als Nahrung. Es sind allerdings nur wenige, wie Schneeball, Liguster und Wildrosen, die bis weit in den Dezember hinein Früchte tragen. Diese werden vor allem von Drosselarten gefressen. Beerenfresser verweilen nie lange an einem Ort, da der Beerenvorrat meist rasch aufgebraucht ist.

 

Wie überleben unsere Greifvögel und Eulen den Winter? Wespenbussard, Baumfalke, Schwarzmilan und Rohrweihe sind Zugvögel und deshalb im Winter bei uns nicht anzutreffen. Unter den überwinternden Arten haben Mäusefresser wie Schleiereule, Mäusebussard, Turmfalke und Rotmilan gelegentlich Nahrungsprobleme. Sobald nämlich eine hohe, geschlossene Schneedecke liegt, zeigen sich die Mäuse nicht mehr an der Oberfläche.

Andere Greife wie Habicht und Sperber, aber auch der Waldkauz machen Jagd auf geschwächte Kleinvögel. In harten Wintern geraten sie deshalb weniger in Not. Gerade der Waldkauz ist so anpassungsfähig und vielseitig in der Nahrungsaufnahme, dass er weniger als andere Arten unter der Witterung leidet. In Polarwintern ist die Sterblichkeit bei den Mäusefressern sehr hoch. Im Winter 1962/63 erlosch beispielsweise der Schleiereulenbestand des Mittellandes fast vollständig. Solche Verluste werden erstaunlicherweise im Verlaufe einiger Jahre durch grössere Gelege wieder ausgeglichen.

 

Körperreserven

 

Viele Tiere bauen vor dem Winter Körperreserven auf, um die nahrungsarme und kalte Jahreszeit besser überstehen zu können. Solche Reserven in Form von Fettpolstern und Eiweissdepots erhöhen das Körpergewicht. Am Morgen sind die Reserven nach der Nacht zum Teil aufgebraucht. Jeden Tag werden sie erneuert, als «Brennstoff» für die kalte Nacht. Darum sind Meisen, Finken, Sperlinge und andere Vogelarten im Winter schwerer als zu jeder andern Jahreszeit. Das tägliche «Auffüllen» der Reserven braucht viel Futter, weshalb Vögel im Winter ihre Aktivität für den Nahrungserwerb gewaltig steigern. Im Durchschnitt sinkt das Körpergewicht gegen das Ende des Winters ab.

 

Wie wirkt sich der Winter auf die Vogelbestände aus?

 

In vielen Untersuchungen hat man festgestellt, dass bei Singvögeln etwa die Hälfte der ausgewachsenen Tiere im Verlauf des Jahres umkommt, bei den erstjährigen sogar 80%. Wenn von 6 bis 10 Jungen eines überlebt, wird die natürliche Sterblichkeit somit durch eine entsprechend grosse Fortpflanzungsrate ausgeglichen.

 

Je härter die Bedingungen im Winter sind, desto grösser ist die Sterblichkeit. Beim Graureiher zum Beispiel bewirken mehrere aufeinanderfolgende kalte Winter eine starke Bestandesverminderung. Da etwa 70% der Graureiher bei uns überwintern, spielt die Witterung im Winterhalbjahr als regulierender Faktor eine entscheidende Rolle. Auch bei andern Arten werden die Bestände naturgemäss dezimiert. Gesunde Vogelpopulationen können jedoch solche Verluste wettmachen, so dass der Brutbestand trotz jährlichen Schwankungen langfristig konstant bleibt. Unsere Vögel sind darauf eingerichtet und haben sich an die wechselnden Nahrungs- und Witterungsbedingungen über Tausende von Jahren angepasst. Auch hohe Verluste sind «eingeplant» und werden durch eine entsprechende Nachwuchsrate zur Brutzeit ausgeglichen.

Die Sterblichkeit ist bei Stand- und Zugvögeln ungefähr gleich gross. Die Standvögel tragen das Risiko des kalten Winters, während die ziehenden Arten auf dem Weg und im Winterquartier Verluste in Kauf nehmen müssen.

 

Winterfütterung – ja oder nein?

 

Alle Jahre wieder, wenn Schnee und Eis Einzug halten, stellt sich erneut die Frage: «Soll man unsere Vögel füttern, brauchen sie unsere Hilfe?» Die «Winterhilfe für Vögel» ist umstritten; einzelne Ornithologen lehnen sie völlig ab, andere empfehlen, nur bei starkem Frost, Eis und Schnee zu füttern. Es gilt also, sich mit dem Pro und Kontra des Fütterns im Winter auseinandersetzen.

 

Was spricht dagegen?

 

Vögel, die bei uns überwintern, haben sich durch einen jahrtausendelangen Ausleseprozess den harten Bedingungen des Winters angepasst. Sie sind von Zusatznahrung unabhängig.

 

Eine Winterfütterung, bei der die Vögel unentwegt einen gedeckten Tisch vorfinden, führt dazu, dass sich auch die weniger lebensfähigen unter ihnen im folgenden Jahr fortpflanzen. Mit einer intensiven Fütterung greift der Mensch so in den natürlichen Ausleseprozess ein.

 

Mit unserem Futterangebot begünstigen wir in der Regel nur eine kleine Auswahl von – ohnehin häufigen – Arten wie etwa den Haussperling, den Grünfink oder die Kohlmeise, während seltenere Arten oft nur bei extremen Verhältnissen zu unseren Futterplätzen finden.

 

Häufig sind es auch Fütterungsfehler, die die gute Absicht ins Gegenteil verkehren. In diesem Zusammenhang sind die immer wieder auftretenden Salmonellenerkrankungen zu nennen. Ursache: Ungepflegte und verschmutzte Futterstellen.

 

Was spricht dafür?

 

Die Fütterung von Vögeln im Winter ist deshalb grundsätzlich nicht nötig und stellt auch keinen Beitrag zur Erhaltung einer vielfältigen Vogelwelt dar. Nach den bisherigen Erkenntnissen ist die Winterfütterung aber in den meisten Fällen auch nicht schädlich.

 


Für ältere Menschen bedeutet Vögel füttern Ablenkung und Kontaktersatz. Kinder und Jugendliche können so die Vögel in ihrem natürlichen Umfeld besser kennen lernen und bewusst erleben. Nur was sie kennen, wird ihnen später lieb sein. Die Befürwortung der Winterfütterung liegt somit im sozialen und pädagogischen Bereich begründet.

 

Wir meinen:

 

Futterstellen bieten eine der besten Gelegenheiten, Vögel aus der Nähe zu beobachten und kennen zu lernen. Wer mit diesem Ziel Vögel füttern will, soll das ruhig tun. Aber mit Mass und richtig!

 

Die zehn Fütterungsregeln

 

1. Herausfinden, welche Vögel in der Umgebung überhaupt vorkommen.

 

2. Nicht jedes Futter bekommt jedem Vogel. Sich informieren, welches Futter für welche Arten geeignet ist.

 

3. Keine Essensreste, keine Backwaren, kein gesalzenes oder gewürztes Futter, kein Brot und kein Wasser verabreichen.

 

4. Den Futterplatz wind- und regengeschützt einrichten.

 

5. Die Futterstelle möglichst vor Katzen sichern, das heisst, das Futterhaus möglichst hoch aufhängen.

 

6. Das Futter vor Schnee, Regen und Kot schützen: Infektionsgefahr.

 

7. Das Futterhaus nach Bedarf säubern. Durch verdorbenes Futter und Kot können sich Krankheiten ausbreiten.

 

8. Keine grossen Mengen auf einmal, sondern besser kleine Mengen verfüttern. Das Futter nie ganz ausgehen lassen.

 

9. Am Ende der kalten Zeit die Fütterung innert einer Woche einstellen, auch wenn eingekaufte Vorräte nicht aufgebraucht sind. Nie Futtervorräte für den nächsten Winter aufbewahren.

 

10. Auf keinen Fall über den Monat März hinaus in die Brutsaison füttern. Jungvögel verdauen diese Nahrung oft nicht richtig und können an unserem Futter zugrunde gehen.

 

Der Futterplatz

 

Besser als eine grosse Futterstelle sind mehrere kleine Futterplätze. Die Gefahr von starker Kotverschmutzung ist geringer, es lassen sich leichter getrennte Futterstellen für Körnerfresser und Weichfresser einrichten.

Das Futterhaus möglichst hoch, das heisst vor Katzen geschützt, aufhängen. Ein Futterplatz am Boden soll vor Wind und Regen möglichst geschützt sein.

Nicht alle Futterhäuser, die im Handel angeboten werden, sind auch brauchbar. Manche lassen sich schlecht reinigen oder sind so konstruiert, dass das Futter herausgewirbelt wird oder Regenwasser eindringen kann.

 

Das Futterangebot

 

Vögel treten nur selten als Nahrungskonkurrenten des Menschen auf; sie ernähren sich in erster Linie von solchen Pflanzen und Tieren, die wir aus unserer Sicht für unnütz oder schädlich halten und kurzerhand als Unkraut und Ungeziefer abtun. Wenn wir Vögel füttern wollen, gilt es also, für jeden Vogel eine geeignete Ersatznahrung zu finden.

 

Körnermischung

 

Körnerfresser (Vögel mit dickem, kräftigem Schnabel) bevorzugen Hanf- und Sonnenblumenkerne, die in den handelsüblichen Freiland-Futtermischungen enthalten sind. Geeignet sind auch Waldvogelfutter, Hafer, Weizen, Nüsse aller Art (zerkleinert und ungesalzen!), Haferflocken und Kürbiskerne.

 

Weichfressermischung

 

Weichfresser (Vögel mit spitzem, schlankem Schnabel) fressen im Zoohandel erhältliche Weichfresser-Futtermischungen mit Insekten, daneben Haferflocken, Beeren und Obst (auch faules, mit der Schnittstelle nach oben ausgelegt), Fett, Quark und rohes Hackfleisch.

 

Körner-Fettmischung

 

Unsere Meisen, Kleiber und Spechte bezeichnet man auch als Gemischtfresser, da sie ausser tierischer Kost im Winter auch (ölhaltige) Sämereien und getrocknete Beeren aufnehmen. Körner-Fett-Mischungen, als Meisenknödel oder Meisenringe erhältlich, sind für diese Vögel das richtige Winterfutter. Auch für diese Vogelarten gedacht sind Nusssäckli. Zu füllen mit ungesalzenen Erd-, Baum- und Haselnüssen oder Pinienkernen.

 

Wasser

 

Kein Wasser anbieten; Vögel löschen ihren Durst im Winter mit Schnee oder Rauhreif. Bei langanhaltender trockener Kälte kann man die durstigen Vögel mit Wasser versorgen, sie dürfen aber nicht baden können. Am besten ist es, die Trinkschale so mit Steinen zu verbauen, dass die Vögel nur gerade ihren Schnabel ins Wasser stecken können.

 

Wasservögel füttern?

 

Enten und Schwäne füttern, für Eltern und Kinder ein verbreiteter «Wintersport». Was ist zum Füttern von Wasservögeln zu sagen?

Enten, Schwäne, Säger, Blässhühner und Möwen leben im Winter in grosser Zahl auf unseren Seen. Sie fressen Pflanzen, Muscheln, Insekten oder Fische. Das Füttern im Winter ist selbst bei grosser Kälte nicht nötig.

 

Nur in ihrem Bestand ungefährdete Wasservogelarten wie Höckerschwäne, Stockenten, Blesshühner und Möwen sowie vereinzelt auch Reiher-, Tafel- und Kolbenenten nehmen von Menschenhand dargereichtes Futter an.

Doch auch hier gilt: Das Füttern ermöglicht Kindern und Jugendlichen, diese Vogelarten kennen zu lernen und eine Beziehung zu den gefiederten Freunden aufzubauen. Nur wer eine echte Beziehung zu Tieren hat, ist auch bereit, sich für ihren Schutz und die Erhaltung von natürlichen Lebensräumen einzusetzen.

 

Einige Fütterungsregeln sind auch hier zu beachten: Keine Speisereste verfüttern. Altbackenes Brot in kleine Würfel schneiden. Erst wenn die Brotwürfel sich mit Wasser voll gesogen haben, sind sie für die Vögel geniessbar.

 

Wie Greifvögel füttern?

 

Greifvögel können unter sehr extremen Witterungsbedingungen starke Bestandeseinbussen erleiden. Da sie durch viele andere Umwelteinflüsse, zum Beispiel die Umweltverschmutzung, zusätzlich gefährdet sind, kann es bei anhaltender dicker Schneeschicht angezeigt sein, Futter auszulegen.

Zur Fütterung von Tag-Greifvögeln (Mäusebussard, Turmfalke) dient rohes, mageres Fleisch, zum Beispiel Herz, Milz oder Leber. Auch Metzgereiabfälle, ausgenommen Lunge und Därme, sind geeignet. Das Futter wird in der Nähe eines Baumes oder einer Greifvogel-Sitzstange ausgelegt, am besten an Waldrändern oder Lichtungen.

 

Die zimmerwarmen Fleischstücke in den Morgenstunden auslegen,  durch Schnitte etwas zerfasern, damit die Greife an dem bald gefrierenden Fleisch kleine Stücke abreissen können. Keinesfalls darf das Fleisch in kleine Stücke zerschnitten werden, denn die Vögel verschlucken sie dann in gefrorenem Zustand ganz und können daran eingehen.

 

Achtung: Wer wenig oder keine Erfahrung mit solchen Fütterungsmassnahmen hat, sollte sich vorerst mit einem sachkundigen Vertreter des örtlichen Vogelschutzvereins in Verbindung setzen.

 

Wer kommt ans Futterhaus?

 

Amsel Gimpel

Bergfink Grünfink

Blaumeise Haubenmeise

Buchfink Haussperling

Buntspecht Kernbeisser

Distelfink Kleiber

Eichelhäher Kohlmeise

Erlenzeisig Rotkehlchen

Gartenbaumläufer Tannenmeise

 

Beobachtet 1998/99 am Futterhäuschen auf dem Balkon einer Privatwohnung.

 


 

Text / Fotos: Herbert und Katharina Haefelin