Neue Zürcher Zeitung, Montag, 6. September 2004

Ins Bett getrieben von der Qual der Wahl
Zürcher Museumsnacht trifft auf das Langstrassenfest
Die Stadt Zürich hat am Wochenende bei bestem Wetter ihren Ruf als Festhütte gefestigt. Für die «Lange Nacht der Museen» wurden rund 16000 Eintritte abgesetzt, während das Langstrassenfest laut dessen Organisatoren gegen 250000 Besucher anzog.
urs. Es gibt zwei Möglichkeiten, sich durch Zürichs alljährliche «Lange Nacht der Museen» zu wühlen: Man lässt sich von einem Schauplatz zum anderen treiben, oder man erstellt einen Zeitplan. Von dieser Aufgabe angesichts des Programms von 45 beteiligten Institutionen hoffnungslos überfordert, entscheiden wir uns am Samstag bei der fünften Museumsnacht für eine Mischform aus Planung und Improvisation.
Alter Kampf zwischen Kunst und Natur
Unser Rundgang beginnt um 20 Uhr im Löwenbräuareal. Bei Daros Exhibitions nähern sich der bedrohlichen Bronze-Spinne von Louise Bourgeois soeben drei Kinder, halb ängstlich, halb von Neugierde getrieben. Sie werden von einer Mitarbeiterin der Kulturstätte in die Geheimnisse der zeitgenössischen Kunst eingeführt, die sich selbst manchem erwachsenen Besucher nur ansatzweise erschliessen. Auch in den oberen Etagen des Kultur-Ballungszentrums ziehen zu Kunstobjekten erklärte Gebilde den einen oder anderen ratlosen Blick auf sich. Wir lüften an der mit Pop-Art-Elementen gestalteten Aussenbar die Köpfe durch, ehe das Tram in Richtung Seefeld bestiegen wird. Der Weg führt vorbei am Limmatplatz, wo Schweizerkreuze des vom adventlichen Landesmuseum-Eiszauber her bekannten Lichtkünstlers Gerry Hofstetter auf eine Fassade projiziert werden. Ländlermusik erschallt von einem Stand her, an dem die Massen vorbeiziehen: Das Langstrassenfest, Zürichs Hommage an die Multikulturalität, fällt heuer zeitlich mit der Museumsnacht zusammen. Vom milden Spätsommerwetter profitieren beide Anlässe.
Zurück zu den Kulturstätten: Eine Ankündigung im Programmheft - «Spiele um Menschen, die nicht wissen wohin» - hat uns in dieser Nacht der ungezählten Optionen ins Museum Bellerive gelockt. Die Darbietung einer Theatergruppe stimmt uns aber etwas ratlos. Also wenden wir uns der alten kulturphilosophischen Frage nach der Vorherrschaft zwischen Kunst und Natur zu: Die Voliere auf der anderen Seeseite, am Mythenquai, lädt zu einer Präsentation von Raubvögeln ein. Beim Eingang aufliegende Flugblätter eines Hauptsponsors werben für «Hunde-Cervelats». Und wir wähnten uns unter Tierfreunden! Ein Blick auf das Kleingedruckte klärt uns darüber auf, dass hier nicht Würste aus Hunden, sondern ökologische Produkte für die Vierbeiner angepriesen werden. Also doch ein Hort der Tierfreunde. Diese sitzen und stehen Auge in Auge mit gefiederten Räubern, die von Mitarbeitenden des Greifvogelparks Buchs vorgeführt werden und sich sogar geduldig streicheln lassen. Für leuchtende Kinderaugen sorgt der Uhu - auch wenn sich der eindrückliche Nachtvogel mit seiner Leibspeise (Igel!) einige Sympathien beim Nachwuchs verspielt -, ein Raunen im Publikum empfängt den mächtigen Weisskopfseeadler. Die Natur führt im Kampf um die Gunst mit 1:0.
Die Kunst vergibt aus unserer Sicht in der Folge zwei Ausgleichschancen: Aus dem stark bevölkerten Innenhof des Landesmuseums vertreibt uns ein lauter Discobetrieb, und eine im Kunsthaus eingerichtete Lounge, als eine «Traum- und Schlafreise» angepriesen, lässt den erhofften Surrealismus vermissen. Versöhnlich stimmen uns die raffiniert durchbrochenen Perspektiven in der Hauptausstellung von Urs Fischer: Wie zauberhaft kann mitternächtlicher Kulturgenuss sein im Vergleich zu den blassen Stunden, die man für den Kunstgenuss dem Tag zu stehlen pflegt! Dies macht wohl auch den Erfolg der Museumsnacht aus, für die diesmal laut Veranstaltern rund 16 000 Tickets abgesetzt worden sind.
Gegen 250 000 Leute am Langstrassenfest
Dennoch treibt uns die erschöpfende Qual der Wahl früher ins Bett als geplant. Weitere Museumsbesuche wie auch die frühmorgendliche Führung durch den Sihlwald fallen der Müdigkeit zum Opfer. Den Heisshunger auf ein Raclette, der uns bei der erschlagenden Internationalität des kulinarischen Angebots rund um diese Nacht befallen hat, stillen wir um 1 Uhr mit einem Abstecher ans Langstrassenfest. Es steht 2:0 für die (menschliche) Natur, denken wir dort inmitten einer Menge von lauten Leuten, darunter manche mit gehöriger Schlagseite. Beim Publikumsaufmarsch sticht das Langstrassenfest die Museumsnacht übrigens deutlich aus: Es hat gemäss Schätzung der Organisatoren am Freitag und Samstag gegen eine Viertelmillion Besucher angezogen.
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Neue Zürcher Zeitung, Samstag, 4. September 2004

Lange Liste, kurze Nacht
Heute Samstag findet die Lange Nacht der Museen statt
So viel Kultur für zwanzig Franken erhält man in Zürich nicht alle Tage. Heute, Samstag, 4. September, warten in Zürich 45 Museen und ähnliche Institutionen ab 19 Uhr mit der Langen Nacht der Museen auf. Die Veranstaltung, die letztes Jahr bereits mehr als 20'000 Personen angesprochen hat, findet zum fünften Mal statt. Die Programmübersicht, die auf dem Internet-Portal www.langenacht.ch abgerufen werden kann, umfasst in ausgedruckter Form nicht weniger als 30 Seiten. Die Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich bieten zwischen 19 Uhr und 5 Uhr früh acht eigens eingerichtete Museums-Shuttles an, die im Preis des Museumspasses inbegriffen sind, genauso wie die Fahrt mit dem MS "Sentosa", das zwischen den Museen im Seefeldquartier (Mühlerama, Museum Bellerive, Johann-Jacobs-Museum, Sammlung E. G. Bührle, Nordamerika-Native-Museum, Stiftung für Eisenplastik) und den Institutionen in Wollishofen und der Enge (Shedhalle, Sukkulentensammlung, Museum Rietberg) im Anderthalb-Stunden-Takt über den See kreuzt.
Über dem Wasser findet gleichzeitig eine Flugschau statt - allerdings nicht von tollkühnen Männern in fliegenden Kisten oder gar von der Patrouille Suisse: Ab 19 Uhr lässt die Voliere-Gesellschaft Weisskopfseeadler, Gänsegeier, Falke, Schleiereule und Uhu über dem unteren Seebecken ihre Kreise ziehen. Ein Blick ins Programm offenbart, dass die überraschendsten Veranstaltungen an der Langen Nacht nicht unbedingt in den grossen, klassischen Häusern, sondern in den Nischenmuseen stattfinden. Was könnte es Spannenderes geben als einer Umtopfdemo beizuwohnen (Sukkulentensammlung) oder selber ein Bienen-Hotel zu bauen (Zoologisches Museum der Universität). Das Nordamerika-Native-Museum lädt dazu ein, sich die Legende von Daganawidha erzählen zu lassen, in der man erfährt, "Wie die Irokesen das Kriegsbeil begruben". In der Sternwarte Urania kann man bei klarem Himmel durchs Teleskop gucken.
Trendig, szenig und hip präsentiert sich das Schweizerische Landesmuseum. Eine mit traumhaft-roten Stoffen eingekleidete Lounge lädt bis morgens um 5 Uhr zum Verweilen und Tanzen ein. Zu Gast sind Rundfunk-DJs, die mit ihren Sounds einen Klangteppich ausbreiten, dazu gibt's Lachscanapés mit Champagner. Und das nicht nur für jene, die sich zuvor im Kulturama eine Führung durch die raue Welt von "Mammut, Höhlenbär und Neandertalerin" reingezogen haben... (sru)
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Neue Zürcher Zeitung, Donnerstag, 19. August 2004

Unter Fremdkörpern - Volker März macht keine Kunst
Er hat Zürich um eine hundertfach sichtbare Arbeit bereichert, die an künstlerischen Unorten wie der Bahnhofstrasse oder der Voliere am Mythenquai zu sehen ist: handtellergrosse Tonfiguren aus «Herrn L.s Neuer Weltgesellschaft für Glück». Volker März, bildender Künstler aus Berlin, ist auf der Suche nach seiner eigenen Theatersprache.
Mit Volker März sprechen heisst die Gegenwart teilen mit einem an Nietzsche und Heidegger existenziell geschliffenen Geist. Dem Begründer der «Märzwerke» zuhören bedeutet über Holzwege gehen hin zur Frage: «Was heisst Denken?» Auch März' eigene Urteilskraft muss sich Kritik gefallen lassen: Der 47-Jährige ist mitnichten, wie er denkt, «der Horror aller Kunstkritiker», dazu fehlt ihm jede Selbstgefälligkeit. Doch gerne darf er, wenn er will, sich rühmen, im «eitel konkurrenzbetonten Betrieb» ein Fremdkörper zu sein.
Volker März nämlich ist der Meinung, dass man Freiheit nicht durch die Ästhetisierung des Lebens erreicht, sondern durch die radikale Kritik an den herrschenden Wertvorstellungen und -systemen. Ausgangspunkt seines Schaffens sind seit fünf Jahren handgrosse Figuren, die er aus Ton formt. («Warum modellieren Sie? - Weil ich's nicht kann!») Mit ihnen, etwa dem schwarzberockten «Ersatzmenschen», diesem «aphrodisierenden Resignativum», gibt er seiner persönlichen Philosophie eine Form.
Die Gedärme der Naomie Campell
März ist es darum getan, in seiner Kunst («Für mich gibt es keine Kunst! Kunst ist, sich im Kopf ein Gegenüber zu schaffen»), in seiner Arbeit, die Widersprüche des Lebens aufzuzeigen: «Es gibt keine Einheit, keine Sauberkeit, keine Schönheit, in der nicht auch das Gespaltene, Dreckige, Eklige wohnt und sich tagtäglich bekämpft. Denken Sie nur einmal an die Gedärme von Naomi Campell, die interessieren mich.» Widersprüche sind Motor und Motivation, mit denen er seine Allegorien herstellt, die im barocken Sinne das Leben als lustvolles Spiel von Unvereinbarkeiten thematisieren. «Schönheit», sagt einer, der nicht zu den Hässlichen gehört, «ist für mich Stillstand.»
Nur konsequent, dass er seine jüngste Arbeit in einer Stadt realisiert hat, deren Kulturleistung in der Politur der magischen drei S besteht: Schönheit, Sauberkeit, Sicherheit. März' erster Gedanke, aus dem «bankrotten Berlin» kommend, war: «Die haben hier alles und wollen es sichern.» Was sollte er dem hinzufügen? Dann versuchte er sich der Stadt mit seiner eigenen «Sehnsucht nach umspannendem Reichtum» zu nähern. Sein Arbeitstitel hiess anfangs: «Longing-Belonging», und er erfand dazu die «Glücklichen Fremdkörper» (mit welcher zurzeit die ZKB Plakatwerbung macht). Die Figuren waren die ersten Mitglieder von «Herrn L.s Neuer Weltgesellschaft für Glück, nach seinem eigenen Vorbild und dem seines pragmatischen Vaters». (Der Vorvater hierfür: der 1995 jung verstorbene Künstler Thomas Lehnerer und dessen «Weltgesellschaft für Glück».) Auf der Festivalwiese nistet März die «Glücklichen Fremdkörper» ein, im Schaufenster der ZKB die «Scheinesser», im Stadthaus die Figuren von «Unschuldigkeitstreiben».
Absurde Gesellschaft
Sie alle sind ein Bild der Vorstellung, reich zu sein und «nicht richtig zu wissen, wohin damit. Kapital allein ist eben einfach nur dumm.» Weil März nichts an selbigem gelegen ist, kann er leichthändig Figuren verschenken, etwa im Oktober an einem «Auratransfer» in Deutschland.
Anlässlich einer Ausstellung über Walter Benjamin wird er dem Publikum 50 Original-Benjamin-Figuren verteilen - Motto: «Jedem seinen Benjamin». In Zürich wird der Besucher der Landiwiese von März das Geschenk erhalten, selbst Fremdkörper unter glücklichen Fremdkörpern zu sein, Mitglied einer absurden Glücksgesellschaft, die, selbst überrascht, gerade am Ufer des Zürichsees gelandet ist. - Das tun sie spät, die Gesellschafter des Herrn M. Ihr Schöpfer nämlich bekennt, dass er mit den Büchern des Schriftstellers Urs Widmer überhaupt erst zu denken begonnen habe. «Ich wollte dem Urs Widmer immer einmal schreiben und mich bei ihm für alles bedanken, was er in mir angerichtet hat.»
Was dieser in ihm angerichtet, wie er ihn zugerichtet hat, ist schwer zu beurteilen; die Früchte der Zurichtung indes sind barbusige Wesen, die sich ihrer Umgebung als Wasserträger andienen, als Vogelbad (in der Voliere) oder Glücksbringer, die mit Kugeln aus Gold zugange sind. Sie gleichen uns in den entscheidenden Punkten, meint März: «Sie sind alle einmal durchs Feuer gegangen, sie sind zerbrechlich - und käuflich.»
Daniele Muscionico
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