Nachwuchs bei der Fächertaube

Die aus Neuguinea stammenden Krontauben sind die grössten Tauben der Welt. Die Fächertaube (Goura victoria) ist die zierlichste der drei Unterarten. Weil Zuchtberichte über diese Taubenart selten zu finden sind, schildert Herbert Haefelin im nachstehenden Bericht seine Erfahrungen mit Fächertauben in der öffentlich zugänglichen Voliere am Mythenquai in Zürich. Der Verfasser ist seit vielen Jahren Präsident der Voliere-Gesellschaft Zürich, die diese Anlage an den Gestaden des Zürichsees seit über 100 Jahren betreibt.
Fächertauben (Goura victoria) leben im Norden Neuguineas. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts führte der Zoo London diese Unterart der Krontauben erstmals ein. 1848 erbrüteten ein Fächertauben-Weibchen und ein Krontauben-Männchen (Goura cristata) ein Junges. Die Reinzucht der Fächertaube gelang erstmals 1881 in Frankreich.
Den Namen verdankt die Fächertaube ihrem Kopfschmuck: Die Kronenfedern besitzen spatelförmige weisse Spitzen und erinnern tatsächlich an einen Fächer. Kopf und Hals sind von hellem Blaugrau; vom Schnabelwinkel zieht sich ein schwarzes Band bis zur Schläfe, das die rubinrote Iris prachtvoll zur Geltung bringt. Brust und Vorderbauch sind dunkel-purpurbraun, die Flügelspiegel hell-blaugrau mit purpurroten Endbinden. Das übrige Gefieder ist von dunklem Braungrau.
Eine Voliere für Fächertauben
Mitte Januar 1999 ist es soweit: Ein Paar Fächertauben darf die Quarantäne verlassen und eine eigens für sie hergerichtete Voliere beziehen. Diese besteht aus Innen- und Aussenraum und verfügt zu dieser Zeit – sie wird später erweitert werden – über total 28,2 Quadratmeter Bodenfläche. Die genauen Abmessungen betragen: 3,7 x 2,7 = 10 Quadratmeter innen, 5,2 x 3,5 = 18,2 Quadratmeter aussen. Die Volierenhöhe beträgt innen wie aussen drei Meter.
Innen- wie Aussenvoliere sind speziell für Vogelarten aus dem Regenwald eingerichtet und verfügen beide über einen Teich mit fliessendem Wasser. Krontauben sind ziemlich kälteresistent, doch – um Erfrierungen an den Füssen vorzubeugen – wird von November bis April die unbeheizte Aussenanlage mit Kunststoffplatten verkleidet. So können sich die Tauben das ganze Jahr über in beiden Anlagen aufhalten.
Klima und Vegetation
Entsprechende Grünpflanzen sorgen – vor allem im Innenraum – für Regenwaldeffekt und helfen mit, die Luftfeuchtigkeit zu regulieren. Allerdings gilt es bei der Auswahl von Pflanzen weniger auf die Herkunft als auf Pflegeansprüche und Robustheit zu achten, denn die grüne Pracht muss bei diesen Tauben, die einige Kilo schwer sind, einiges aushalten. Im Übrigen ist die Bepflanzung in unserer öffentlichen Voliere so gestaltet, dass die Vögel darin Schutz finden und sich auch vor den Besuchern zurückziehen können.
Durch ein Glasdach tritt Tageslicht von oben in den Innenraum, in den dunklen Wintermonaten unterstützt durch Kunstlicht. Eine Bodenheizung sorgt in der kühlen Jahreszeit im Innenraum für angenehme 20 °C; die Luftfeuchtigkeit wird bei 60 Prozent gehalten. In den Sommermonaten geniessen die Vögel in der Aussenanlage den warmen Regen oder lassen sich durch die auf dem Dach installierte Sprinkler-Anlage «beregnen».
Friedfertig und zutraulich
Wie alle Krontauben halten sich die Fächertauben vorwiegend am Boden auf, deshalb leben sie in unserer Voliere auf Naturboden: Kleinere Flächen mit Erde, Flusssand, Rindendekor und Rundkies (Durchmesser drei bis fünf Millimeter). Zum Lieblingsplatz haben sich unsere Tauben einen liegenden Baumstamm unter einem Lorbeerstrauch im Aussengehege erkoren. Hier verharren sie lange regungslos und unterbrechen ihren geruhsamen Tagesablauf oft nur, um zu fressen oder mit ausgebreiteten Flügeln ein Sonnenbad zu geniessen.
Mit ihren gefiederten Mitbewohnern – Königs- und Balistar, Purpurtangare, amerikanischem Stelzenläufer und anfänglich Krokodilwächter – vertragen sich die Fächertauben während 365 Tagen im Jahr gut. In der Gunst des Publikums stehen die Riesentauben ganz oben, ihrer stattlichen Erscheinung und ihrer Zutraulichkeit wegen. Kommt etwa eine Schulklasse zu Besuch, sind die beiden sofort zur Stelle und beobachten direkt an der Glasscheibe das Verhalten der Kinder. Ist der Täuber in Balzstimmung und lässt seinen gurrenden Bass ertönen, ist die Begeisterung in der Besucherhalle jeweils gross.

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Ein «Kuckuck» im Nest
Die Krönung unserer Fächertauben-Haltung soll natürlich die Zucht sein. So wird gleich zu Beginn ein flacher runder Korb von rund 40 Zentimetern Durchmesser montiert. Standort: Etwa zwei Meter über Boden, in einer Ecke unter dem schützenden Beton-Vordach im Aussengehege.
Die Tauben nehmen den Korb sofort als Schlaf- und Nistplatz an. Dass andere Vögel den Platz ebenfalls anfliegen, vor allem die Krokodilwächter, scheint sie nicht im Geringsten zu stören. Zwar wäre genügend Nistmaterial zu finden – Birken-, Lärchen- und Erikazweige –, doch das Taubenpaar baut nur ein dürftiges Nest aus dünnen, zehn bis fünfzehn Zentimeter langen Zweigen.
Am 6. März 2000 ist es soweit: Wie es bei Krontauben die Regel ist, legt unser Weibchen ein einziges, schneeweisses Ei. Zu unserer Enttäuschung jedoch brütet das Taubenpaar nicht. Am 15. März liegt wieder ein Ei im Nest, ist jedoch nach zwei Tagen spurlos verschwunden. Ob sich ein Voliere-Mitbewohner daran gütlich getan hat?
Erst am 23. April wird ein drittes Ei gelegt, und dieses Mal scheint das Brutgeschäft reibungslos zu klappen. Tagsüber lösen sich die Partner regelmässig ab, nachts sitzt die Täubin allein auf dem Nest.
Nach 30 Tagen müsste ein Junges geschlüpft sein. Ich will Gewissheit haben und warte geduldig zuoberst auf einer Leiter, bis sich die Jungtaube zeigt. Schliesslich erhebt sich der Altvogel und gibt den Blick auf das Küken frei. Aber was liegt da und lässt sich hudern? – ein Krokodilwächter. Von einer jungen Taube weit und breit keine Spur, auch das Ei bleibt trotz intensiver Suche verschwunden.
Ein Mini-Täubchen fliegt aus
Mein eigenes Gesicht hätte ich in diesem Moment gerne gesehen. Vorerst frage ich mich jedoch, ob unser Fächertauben-Paar vielleicht noch zu jung ist: Der Täuber ist am 7. August 1997 geschlüpft, die Täubin am 1. März 1998. Oder sind die beiden am Schluss zu zahm geworden? Eine Antwort finde ich keine, hingegen gehe ich daran, den Störfaktor Nummer Eins auszuschalten: Die Krokodilwächter müssen in ein anderes Gehege umziehen.
Am 31. August stellt unser Tierpfleger das vierte Ei fest. Wiederum bebrüten beide Tauben das Ei. dieses Mal verhalten sie sich ihren Betreuern gegenüber anders: Die bisherige Zutraulichkeit weicht einer zunehmenden Aggressivität. Betritt eine Betreuungsperson die Anlage, empfangen sie wütende Flügel-schläge Richtung Schienbein.
Nach 32 Tagen schlüpft die erste junge Fächertaube. Sie wird von den Eltern gut betreut und entwickelt sich prächtig. Nach 36 Tagen verlässt sie das Nest: Der Fächer auf dem Kopf ist erst ansatzweise zu sehen, sonst aber trägt der Jungvogel bereits das Federkleid seiner Eltern. Allerdings, verglichen mit den Altvögeln ist die junge Taube noch ein echter Winzling. Weitere acht Wochen wird die Jungtaube von beiden Eltern fürsorglich gefüttert, dann ist sie endgültig selbständig. Bis sie allerdings völlig ausgewachsen ist, wird noch ein gutes halbes Jahr vergehen.
Wichtig: Die Ernährung
Ein Wort noch zum Futterangebot. Den Bewohnern dieser Gemeinschafts-Voliere wird angeboten: Eine handelsübliche Taubenkörner-Mischung, Keimfutter (gekeimt aus handelsüblicher Keimmischung) sowie ein Weichfutter bestehend aus Aleckwa-Insektenfutter, Zoovogelfutter Nafag (in der Schweiz hergestellt), Ce-De Universal, geraffelte Karotten, Hüttenkäse, Hackfleisch, hartgekochtes Ei, Vitakalk sowie über Nacht eingeweichte und gut gespülte kernlose Rosinen (Sultaninen). Diese Zutaten werden gut gemischt und das Weichfutter sofort verfüttert. Die Menge wird dem jeweiligen Vogelbestand angepasst.
Die Fächertauben finden folgendes Zusatzfutter: Tauben- und Fasanenkörner, Exoten- und Limikolenmischung, Quellreis, Sittich Spezial, Mehlwürmer und Buffalos. Zusätzlich gibt es klein geschnittene Früchte und Beeren je nach Jahreszeit. Für den Winter wird ein Beerenvorrat eingefroren. Was die Fächertauben von diesem reichhaltigen Angebot wirklich aufnehmen, lässt sich nicht genau feststellen. Feststeht, dass aus dem Jungvogel ein kräftiges Tier geworden ist, das ein Jahr später noch immer problemlos mit den Altvögeln zusammenlebt.
Bleibt zu erwähnen, dass in dieser Gemeinschaftsvoliere im Jahr 2000 neben einer jungen Fächertaube in zwei Bruten vier Balistare aufgezogen wurden. Für beide Vogelarten existiert ein Europäisches Zuchtprogramm, an dem die Voliere-Gesellschaft Zürich seit Jahren mitarbeitet, für den Balistar sogar ein EEP (Europäisches Erhaltungs-Zuchtprogramm).

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