Unterwegs auf langen Beinen

Stelzenläufer sind langbeinige Watvögel, die in verschiedenen geographischen Rassen auf allen Kontinenten unserer Erde anzutreffen sind. In der öffentlichen Voliere am Mythenquai, am Seeufer von Zürich, sorgen Amerikanische Stelzenläufer (Himantopus mexicanus) regelmässig für Nachwuchs.
Charakteristisch für den Stelzenläufer sind seine Beine – sie sind im Verhältnis zur Körpergrösse länger als bei anderen Watvögeln – und der kleine, dunkle Kopf. Anders als bei seinem nahen Verwandten, dem Säbelschnäbler, ist sein Schnabel gerade.
Der Amerikanische Stelzenläufer (Himantopus mexicanus) ist rund 38 cm hoch und wiegt gegen 160 Gramm. Oberseiten, Kopf, Nacken und Rücken sind schwarz, die Unterseite weiss, die Beine rot. Der Schnabel ist schwarz, die Augen rot mit schwarzer Pupille. Über den Augen leuchtet ein weisser Fleck im schwarzen Gefieder. Die Weibchen sind etwas kleiner; im Sonnenlicht vermag der aufmerksame Beobachter im Rückengefieder einen braunen Schimmer zu entdecken.
Herkunft und Lebensweise
Amerikanische Stelzenläufer sind in der Neuen Welt weit verbreitet: Vom mittleren Nordamerika bis zum Norden Südamerikas sind die eleganten Watvögel am Flachwasser, auf Schlammflächen und an Flussmündungen anzutreffen, wo sie langsam und gesetzt herumstelzen, bedächtig einen Fuss vor den anderen setzend. Ihre Stimme ist ein schriller Pfiff.
Eine Gruppe Amerikanischer Stelzenläufer lebt seit 1995 in der öffentlichen Voliere am Seeufer nahe der Zürcher Innenstadt. Ende Mai 1998 wurden zwei Paare von den restlichen Vögeln getrennt und in eine Voliere mit folgenden Massen umgesetzt: Innenraum 6.20 x 2.60 Meter, Aussenanlage 6.20 x 2.70 Meter, Höhe durchgehend drei Meter. Rindendekor und Flusssand bildeten den Bodengrund. Der Sandbereich war mit Gräsern, Baumwurzeln und Flusssteinen naturnah gestaltet, die Aussenvoliere darüber hinaus beidseitig mit Bambus, Lorbeer und Rhododendron bepflanzt.
Innen- wie Aussenvoliere verfügten zu jener Zeit je über einen Teich mit fliessendem Wasser, 6 bis 20 Zentimeter tief und einer Fläche von je etwa 1,2 Quadratmetern. Ihr Gehege teilten die Stelzenläufer mit südamerikanischen Kleinvögeln wie Tangaren und Zuckervögeln sowie einem Paar Palawan-Pfaufasanen.
Futter und Futterstellen
In dieser Gemeinschaftsvoliere befanden sich vier Futterstellen: Zwei Schalen am Boden für die Stelzenläufer und die Palawan-Pfaufasanen sowie zwei Schalen auf Metallständern für die kleinen Vogelarten.
Verfüttert wurde täglich eine Portion Weichfutter, die sich wie folgt zusammensetzte: 30 Gramm Aleckwa-Insektenfutter für Weichfresser, 30 Gramm Aleckwa-Limikolenfutter fein, 20 Gramm Aleckwa Sittich Spezial, 10 Gramm Zoovogelfutter der Firma Nafag-Ecosan in Gossau/SG, 10 Gramm Hackfleisch (abgebrüht, da sonst schlecht mischbar), 10 Gramm Möhren, Hüttenkäse und etwas Vitakalk. Diese gut feuchte Mischung wurde gerne angenommen.
Dazu verabreichte der Tierpfleger klein geschnittene Weissfische. Als Lebendfutter wurden zweimal täglich Mehlwürmer, Buffalo Worms und Heimchen auf dem Boden verstreut. Die Stelzenläufer naschten auch Fasanenfutter. Was sie davon allerdings genau aufnahmen, liess sich nicht feststellen.
Brut und Aufzucht
Bereits am 23. Mai konnte ich die erste Balz im sechs Zentimeter tiefen Flachwasser beobachten, zwei Tage später die erste Paarung, wiederum im Wasser. Balz- und Paarung liessen sich interessanterweise nur im Innenraum beobachten, nie in der Aussenanlage. 
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In der Aussenvoliere hatte ich in Wassernähe einen etwa 20 Zentimeter hohen Hügel errichtet und zur Rutschsicherheit mit Gräsern bepflanzt, darin eine kleine Mulde gegraben und mit etwas Holzrinde ausgelegt. Am 26. Mai nahm ein Paar Stelzenläufer das von mir so vorbereitete Nest an und baute es mit Holz und Pflanzenteilen weiter aus. Leider konnte ich dann die Eiablage wegen Urlaubsabwesenheit nicht beobachten. Das Gelege bestand aus vier spindelförmigen bis ovalen Eiern. Die Eier ähneln denen des Säbelschnäblers: Glatt mit schwachem Glanz, hell bräunlichgelb mit kleinen, schwarzgrauen Punkten und Klecksen. Grösse; 43 x 32 Millimeter.
Ab dem 20. Juni bebrüteten beide Altvögel das Gelege. Bemerkenswert war zweifellos, dass zwei heftige Unwetter mit Hagelschlag der Brut nichts anhaben konnten und die Vögel das Gelege nicht verliessen. Nach starken Regengüssen ragte das rund 10 Zentimeter hoch aufgeschichtete Nest wie eine Burg aus den tiefen Wasserlachen, die Nestmulde blieb in der ganzen regenreichen Zeit trocken.
Am 14. Juli schlüpfte der erste Jungvogel, im Abstand von zwei Tagen drei weitere. Die ersten Küken wurden vom Männchen alleine betreut. Das jüngste Küken überlebte nur drei Tage. Nachdem alle Kleinen geschlüpft waren, huderten beide Eltern die Jungen.
Stelzenläufer sind Nestflüchter, und so herrschte vom ersten Schlupftag an helle Aufregung unter den Volierenbewohnern, denn die frischgebackenen Vogeleltern duldeten niemanden in der Nähe ihres Nachwuchses. Zur Sicherheit wurden die Palawan-Pfaufasanen und das zweite Stelzenläuferpaar vorübergehend in den Innenraum verbannt.
Ein Elterntier «sortierte» mit Schnabelschwenken den Futterteller, jeweils Zeichen für die drei Küken, dass die Fütterungszeit herangerückt war. Nach neun Tagen verschluckten die heranwachsenden Stelzenläufer erstmals ganze Mehlwürmer und Heimchen, die fortan, trotz des reichhaltigen Futterangebotes, ganz zuoberst auf dem Speisezettel standen. Nach etwas mehr als vier Wochen waren die drei Küken selbständig.
Aussehen und Entwicklung
Das Daunenkleid der jungen Stelzenläufer ist unterseitig weiss mit rahmfarbenem Anschlag, die Oberseite fein hellgrau und gelblichgrau gesprenkelt. Der Kopf ist fein marmoriert. Dunkle Linien ziehen sich fein entlang des Mittelscheitels, eine breitere, mehrmals unterbrochene schwärzliche Doppellinie überzieht den Rücken. Der Schnabel ist grau mit schwarzer Spitze; Beine und Füsse sind hellgrau.
Wegen permanenter Streitereien mussten das mittlerweile wieder zugesellte Stelzenläuferpaar sowie die Palawan-Pfaufasanen endgültig in eine andere Anlage umgesiedelt werden. Die Stelzenläuferfamilie hingegen vertrug sich gut und lebt bis Januar 1999 im gleichen Gehege. Seither werden in der Zürcher Voliere am Mythenquai jährlich zwei bis drei Jungvögel aufgezogen.
Schlussbemerkungen
Weil Stelzenläufer eigentlich Kolonienbrüter sind, hatte ich neun Vögel zusammen erworben und mit einer Gruppe von zehn Säbelschnäblern vergesellschaftet. Die Säbelschnäbler legten zur Brutzeit ein zunehmend aggressives Verhalten an den Tag, und die Stelzenläufer mussten umquartiert werden. Als auch bei letzteren Brutstimmung aufkam, wurden fünf von ihnen abgetrennt. Es verblieben zwei Paare, und somit war der Weg frei für das Brutgeschäft und die Jungenaufzucht.
Es hat sich gezeigt, dass eine Bodenfläche von rund 33 Quadratmetern, selbst wenn sie artgerecht bepflanzt ist, nicht genügt, um Stelzenläufer in einer Kolonie zu züchten. Bei den unter den gleichen Bedingungen gehaltenen Säbelschnäblern (zehn Tiere) schreitet jeweils ebenfalls nur ein Paar zur Brut.

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